Mit eigener Stimme*

Als Musiker mag man sie. Konzerte von Roma-Bands sind beliebt in Köln. Auch Carmen ist populär. Ihr Mythos ist zeitlos. Die Oper ist eine der erfolgreichsten überhaupt und der Stoff hat einige Filmemacher inspiriert. Beim Karneval ist Carmen dabei, ebenso wie die schöne Esmeralda (Der Glöckner von Notre Dame) oder die geheimnisvolle Wahrsagerin. So sieht das „positive“ (Fremd-)Bild einer Romni aus – exotisch-schön, verführerisch, mit unbändigem Freiheitsdrang und viel Lebenslust. Erotisierende und romantisierende Darstellungen waren jahrhundertelang beliebte Sujets in europäischer Literatur und Malerei. Nicht schlimm? Fragen wir Menschen, die betroffen sind. Mehrheitsgesellschaften sprechen über Minderheiten, kreieren Vorstellungen und Bilder. Dabei werden Minderheiten zu homogenen Gruppe gemacht mit bestimmten, unveränderlichen Eigenschaften, die sie außerhalb von Gesellschaft und Normen verorten. Die ebenso bekannten negativen Bilder sind Teil der gleichen Konstruktion.

Tatsächlich wissen wir mehrheitlich wenig. Jeder spreche über sich, daher hier nur ein paar Denkanstöße. Die Sinti und Roma gibt es nicht. Menschen, die dazu gehören, sind Angehörige ganz verschiedener regionaler, nationaler und auch sprachlicher Gruppen mit sehr unterschiedlichen individuellen Lebensentwürfen. Es gehören alteingesessene deutsche Sinti Familie dazu, aber auch Menschen, die vor den Jugoslawienkriegen flüchten mussten. Große Vielfalt, aber was verbindet? Zentral für Identität und Kultur aller Gruppen ist Romanes, die gemeinsame Sprache. Aber auch sie ist Spiegel der Vielfalt und ihr Reichtum an Dialekten groß. Was aber Menschen ungeachtet ihrer verschiedenen Lebenswege und Milieus gleichermaßen trifft, ist die ungebrochene Kontinuität von Diskriminierung. Vorurteile halten sich hartnäckig, denn sie hatten schon immer wichtige Ordnungs- und Orientierungsfunktion für Mehrheiten und dienten ihrer kollektiven Selbstvergewisserung. Wer kann, macht sich also lieber unsichtbar, lebt sein Leben. Prominente Vorbilder gibt es nur wenige.

Wen kennt, sieht und hört man? Recht bekannt ist die Schlager- und Popsängerin Marianne Rosenberg. Ihr Vater Otto Rosenberg überlebte Auschwitz und hat darüber in seiner Biografie berichtet. Prominente Sinteza ist auch Dotschy Reinhardt. Sie ist Jazzmusikerin und als Menschenrechtlerin in Berlin aktiv. Den Rapper Sido kennt sicher jeder. Besser wahrgenommen werden in Köln noch die recht bekannten Musikfestivals, denn sie sind mehrheitlich gut anschlussfähig. Ins Bild passen auch Bettler und Flaschensammler, die ungeachtet ihrer tatsächlichen Herkunft oft als Roma angesehen werden. Damit hat es schon fast, denn wer weiß schließlich, dass sein Kreditberater bei der Sparkasse einer Sinti Familie entstammt oder, dass der vom Balkan eingewanderte Kollege Rom ist? Aber Zeiten beginnen sich zu ändern. Junge Aktivistinnen betreten die gesellschaftliche Bühne, streiten selbstbewusst für gleiche Chancen und dekonstruieren tradierte Vorurteile. Roma werden als vielfältige Künstler sichtbarer, nicht nur in der Musik, sondern auch in Literatur, wie die in Köln lebenden Autoren Jovan Nikolić oder Ruždija Russo Sejdović. Die Berliner Galerie Kai Dikhas („Ort des Sehens“) präsentiert seit 2011 zeitgenössische Kunst von Sinti und Roma aus ganz Europa. MIT EIGENER STIMME erzählen Menschen ihre eigenen Geschichten, die so individuell und verschieden sind, dass sie in keine der bekannten Schubladen passen.

*Bühnenstück Theater TKO Köln, Regie & Dramaturgie Nada Kokotovic, nach „Voices of Victims“ – RomArchive, Dr. Karola Fings http://kokotovic-nada.de/logicio/pmws/indexDOM.php?client_id=tko&page_id=stuecke&lang_iso639=de&play_id=miteigenerstimme

Berliner Galerie Kai Dikhas https://kaidikhas.de/de/gallery

Literatur von Sinti und Roma auf der Frankfurter Buchmesse 2019 https://zentralrat.sintiundroma.de/buchmesse/

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Ich sehe was, was Du nicht siehst…

heißt ein bekanntes Kinderspiel. Klingt logisch, aber kurz drüber nachdenken lohnt. Wer mehr vom großen Ganzen sehen und gesellschaftliche Probleme besser verstehen will, muss regelmäßig die Perspektive wechseln. Voraussetzung ist jedoch, sich eigener Wahrnehmungsgrenzen und „Sehfehler“ überhaupt bewusst zu sein. Außerdem braucht es Offenheit, Menschen außerhalb des eigenen „Kosmos“ zu treffen und zu versuchen, die Welt aus ihren Augen zu sehen. Andersdenkende sind zunächst erstmal auch Anderssehende. Mut gehört dazu, denn eigene Wahrheiten werden potentiell von anderen herausgefordert. Wir werden uns unserer „blinden Flecke“ bewusst. Gemütlicher segelt es sich natürlich in widerspruchsfreien Gewässern. Dank selektiver Wahrnehmung kommen wir damit auch recht weit. Erlerntes und Erlebtes hat Strukturen im Gehirn hinterlassen und beim Aufnehmen neuer Informationen knüpfen wir an bekannte Muster an. Wir sehen einfach nur bestimmte Facetten unserer Umwelt. Der große „Rest“ wird weiträumig ausgeblendet. Kein Wunder also, dass wir unsere eigenen Wahrheiten fortlaufend und automatisch bestätigt sehen. Informationen, die diese untergraben würden, fallen meist unter den Tisch. Das macht das Leben einfacher. Im Übrigen prägen auch Berufe die Sicht auf die Welt und wenn sich Freundeskreise dann ebenfalls aus ähnlichen Kontexten rekrutieren, bleibt die Welt rund. Wie komfortabel sich jeder einzelne damit fühlt, mag seine Angelegenheit sein. Aber Wahrnehmung schafft Realität und hat gesamtgesellschaftliche Relevanz. Entscheidenden Einfluss auf das Gelingen von Integration beispielsweise hat, wie Migration (konfliktbeladen, problematisch?) und Zugewanderte (Gefahr für Wohlstand und Sicherheit?) von vielen in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Stereotype Wahrnehmung von gesellschaftlichen Großgruppen zementieren bestehende Verhältnisse, auch wenn man dann die Ursachen in Biologie, Religion oder `Kultur´ zu sehen meint. Insofern lohnt es, alternative Blickwinkel auszuprobieren. Es ist wie bei der ersten Bergtour. Leichte Schwindelgefühle am Anfang sind normal, aber Selbst- und Trittsicherheit nehmen rasch zu. Davon profitiert sogar jeder persönlich. Also legen wir los. Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist…

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Ohne Frauen ist kein Staat zu machen* – und auch keine Revolution

Ersteres braucht man heute kaum mehr zu betonen. Letzteres gerät gern aus dem Blick und in Vergessenheit. Autonome Frauengruppen gab es, trotz fehlender Grundrechte und Repressionen, auch in der DDR. Grundsätzlich ging jeder, der sich engagierte ein persönliches Risiko ein, aber für Frauen, die Kinder hatten, war es besonders hoch. Viele dieser Frauengruppen waren im Kontext der Friedensbewegung in den 80er Jahren entstanden und sie spielten eine wichtige Rolle in der Friedlichen Revolution. Die Frauen protestierten nicht nur gegen die Diktatur, sondern kritisierten auch die Geschlechterverhältnisse in der DDR. Sie wollten die Demokratisierung des Landes vorantreiben und mit tatsächlicher Gleichberechtigung verbinden. Die Frauen fürchteten zu Recht nach Öffnung der Mauer, dass sie ihre wenigen Errungenschaften, wie die umfassende Kinderbetreuung oder das liberale Abreibungsrecht, wieder verlieren würden. „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ war einer der Slogans damals. Um an den Runden Tischen und den ersten freien Wahlen im März 1990 teilnehmen zu können, schlossen sich zahlreiche, ganz unterschiedliche Initiativen und Gruppen zum Unabhängigen Frauenverband zusammen.

Die Ereignisse überschlugen sich. Die Einheit kam schneller als gedacht. Der Zusammenbruch der maroden Wirtschaft kostete enorm vielen Menschen den Arbeitsplatz. Oft waren es die Frauen, die ihre Familien finanziell über Wasser hielten. Die allermeisten Frauen waren in der DDR voll erwerbstätig gewesen, wollten und mussten es auch bleiben. Sie kämpften um die Anerkennung ihrer Abschlüsse und fingen nicht selten in der Mitte ihres Lebens beruflich nochmal ganz neu an. Frauen hatten schon immer viel zu schultern gehabt, waren flexibel, pragmatisch und sturmerprobt. In den Umbruchsjahren sorgten sie für Stabilität. Die in dieser Zeit heranwachsenden Töchter sahen ihre Chancen, lernten fleißig, studierten schnell und gingen schließlich dahin, wo sie die besten Möglichkeiten sahen. Endlich war die Welt war groß und so vieles schien möglich. „Hilfe, die Frauen fliehen“ titelte 2002 dann Der Spiegel. Was das mit der Demografie mancher Orte gemacht hat und heute für Sozialstruktur sowie politisches Klima bedeutet, ist spätestens seit den letzten Landtagswahlen von allgemeinem Interesse.

Ohne Frauen ist eben kein Staat zu machen und für Regionen sieht es auch trübe aus.

Urheber: Hartmut Kelm
19. November 1989, Frankfurt (Oder)
Lizenztyp CC BY-NC-ND 3.0 DE

*aus dem Gründungsmanifest Unabhängiger Frauenverband, Dez 1989

Robert-Havemann-Gesellschaft: Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht! Frauenwiderstand in der DDR der 1980er Jahre https://www.havemann-gesellschaft.de/ausstellungen/frauenwiderstand-in-der-ddr-der-1980er-jahre/

Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF), interaktives Fachportal zur Geschichte der Frauenbewegungen in Deutschland https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/start

Katja Salomo: Abwanderung, Alterung, Frauenschwund. Die verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft: https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/abwanderung-und-alterung-gefahr-fuer-die-demokratie

 

„Das Vergangene ist nicht tot;…

es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“*

Das Vergangene ist nicht tot. Es steckt in uns drin, lebt mit und über uns weiter. Geschichtliche Ereignisse hinterlassen ihre Spuren in Menschen, werden an nachfolgende Generationen weitergeben. Manches wird erzählt, anderes nur angedeutet oder verschwiegen. Wertvorstellungen, Kategorien, Ideen und Handlungsmuster werden in großem Maße auch durch das nicht Besprochene und das nicht selbst Erlebte bestimmt. Das Vergangene sitzt in uns, ist Teil von uns, ob wir wollen oder nicht. Dabei fühlt sich Geschichte oft abgeschlossen und selbst Neuste Geschichte weit weg an.

Das Vergangene ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd. Sich selbst von individueller und kollektiver Geschichte abzuschneiden, liegt aus verschiedenen Gründen nahe. Einiges ist sehr dunkel, bleibt unbegreiflich. Verdrängen und vergessen ist auf jeden Fall bequemer. Gegenwart hält uns auch so gut auf Trab. In der eigenen Biografie gibt es Störendes, Kompliziertes oder Schmerzhaftes. Da wollen wir lieber frei und unbelastet unserer eigenen Wege gehen. Nur, Luftwurzler sind wir nicht, selbst wenn wir uns streckenweise so fühlen.

Über vieles wissen wir ganz gut Bescheid, gut genug, sagen nicht wenige. Einspruch! Wir stellen uns dennoch fremd, denn in unserer Wahrnehmung hat das Vergangene oft nicht viel mit uns selbst zu tun. Nicht um das Wissen geht es, sondern um eine Auseinandersetzung die Geschichte mit uns und heute verbindet. Es geht darum, dass wir uns selbst in Beziehung setzen mit dem Vergangenen. Wie hätte ich entschieden, gehandelt, gelebt, gefühlt? Was von „damals“ steckt heute noch in mir, in Gesellschaft? Was bedeutet das für unsere Vorstellung von Zukunft? Andernfalls bleiben wir unbeteiligte Beobachter, in uns tut sich nichts. Lehren aus Geschichte kann nur jeder einzelne für sich ziehen. Unreflektiert sorgen wir selber für Kontinuitäten von denen wir meinen, sie hätten nichts mit uns zu tun. Nicht die Gesellschaft handelt, sondern jeder einzelne von uns. Wie in Gesellschaften mit Geschichte(n) umgegangen wird, sagt auch einiges über ihr Selbstverständnis und die Art des Miteinanders aus. Manches lag lang oder liegt noch immer im persönlichen oder kollektiven toten Winkel. Warum? Fragen sind eher unbequem, auch die nach dem eigenen Desinteresse.

Schneiden wir uns ab vom Vergangenen, so zahlen wir einen Preis. Wahre Freiheit kommt erst nach der Auseinandersetzung und zwar einer, bei der wir mit Kopf und Herz dabei sind. Die Beschäftigung mit dem Schmerzhaften muss nicht schwächen, im Gegenteil. Wer sich einlässt, sieht heute mehr und gewinnt an Klarheit mit Blick auf das eigene Handeln. Das Vergangene lebt. Nichts verschwindet. Nehmen wir an, was ist und machen wir etwas daraus.

*Christa Wolf, Kindheitsmuster

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„Warum blieben alle hinter ihren Gardinen stehen, anstatt runterzurennen und zu helfen?“*

Der Satz hakt sich fest im Kopf. Wäre das heute anders oder sind im Grunde nur die Gardinen aus den Fenstern verschwunden? Theoretisch haben wir aus der Geschichte gelernt. Theoretisch.

Wenn etwas passiert, passiert entweder gar nichts oder es hagelt moralische Appelle. Manchmal gibt es Solidaritätsbekundungen. Sie sind wichtig und haben ihre Funktion, aber kosten den einzelnen fast nichts. Die unangenehme Frage bleibt: Wie hätte ich reagiert? Weggeguckt, rausgehalten? Sich am Rande zu halten, ist ein starker Impuls. Geht mich nichts an. Ausrichten kann ich nichts. Tatsächlich nichts?

Über eigene Werte redet es sich viel leichter, als sie handelnd zu leben. Verantwortung auch für andere zu übernehmen, ist schwieriger als sie, an wen auch immer, zurück zu delegieren. Wer sich heraushält, geht kein Risiko ein. Überzeugungen hin oder her.

Zivilcourage bedeutet einzuschreiten, wenn zentrale Werte und Normen offen verletzt werden, auch wenn uns Nachteile drohen. Bürgermut eben. Das klingt gut. Man müsse mal „ein deutliches Zeichen setzen“ und etwas tun, sagen viele. Aber wenn es darauf ankommt, sehen sie das naheliegende nicht. Über gesellschaftliche Missstände wird dafür weiter viel geredet. Analysen von der Seitenlinie. Oft verharren Diskussionen im man. Da fehlt zum Bürgermut nicht nur der Mut, sondern auch der Bürger.

Wenn mehr Leute ich, statt man sagen, ist das schon mal ein Anfang. Und wenn mehr Leute aufmerksamer ihr Umfeld scannen, hinhören und hinsehen, ist das der nächste Schritt. Wer also zukünftig nicht mehr mit lacht, wenn der Chef sexistische Witze reißt, hat immerhin das Thema verstanden und den Anfang geschafft. Nur Mut – Zivilcourage kann man lernen und einüben.

*Rahel Renate Mann, Der Spiegel Geschichte, Jüdisches Leben in Deutschland, 4/2019

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Wissen wir noch, wo Norden ist…?

Es wird viel geredet über die Krise der Demokratie. Gleichzeitig halten die meisten Menschen bei uns sie für die beste Staatsform. Ein selbstbestimmtes Leben mit allen Grundrechten ist natürlich selbstverständlich. Selbstverständlich? Nach zwei Diktaturen in Deutschland? Selbstverständlich, wenn an vielen Orten der Welt derzeit um jedes Stückchen Freiheit hart gekämpft wird? Schließlich gibt es auch bei uns beunruhigende Entwicklungen. Selbstbewusste und engagierte Demokraten scheinen in der Minderheit. Menschen wollen „Führung“ hört man nicht selten. Das Gefühl, dass man selbst nichts ausrichten kann, ist weit verbreitet. Außerdem sind die Undemokratischen immer andere.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Kleines Gedankenexperiment. Denken wir kurz an Indien und China. Sehen wir spontan den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Länder? Schauen wir auf Israel. Sehen wir, was das Land von anderen Staaten im Nahen Osten ganz wesentlich unterscheidet? Interessant ist auch der Blick zurück auf die DDR. War das Land damals einfach das „andere“ Deutschland, dessen Regime mehr oder weniger von allein zusammenbrach? Was wissen wir schließlich von Politik und Gesellschaft der Länder, in denen wir so gern Urlaub machen? Interessiert es uns oder herrscht nicht oftmals blinde Teilnahmslosigkeit. Die kann man notfalls gut als „Toleranz“ tarnen, denn nichts ist sowieso schlimmer als in den Verdacht westlicher Arroganz zu geraten. Dabei sind wir es gerade dann, wenn wir glauben andere wollen nicht auch in Freiheit leben, schlechte Regierungen abwählen, ihre Meinung öffentlich äußern. Im Raushalten sind wir gut – hier wie da jahrzehntelang geübt. Da kann einem mit der Zeit schon der Kompass abhandenkommen. Und ist nicht auch bei uns einiges im Argen? Etablierte Parteien sind ordentlich ins straucheln geraten, Ressourcen sehr ungleich verteilt und damit auch die Partizipationsmöglichkeiten. Große Bauprojekte werden anderswo in Rekordgeschwindigkeit realisiert, was bei uns nie zu gelingen scheint. Das nagt am Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Selbstzweifel und Orientierungslosigkeit machen sich breit.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Wäre es nicht auch mal schön, wenn jemand hin und wieder „durchregieren“ und uns die größten Probleme vom Hals schaffen würde? Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft? Wunderbar! Aber da hilft nur Ärmel hochkrempeln und im eigenen Umfeld loslegen. Gesellschaft ist so gut oder schlecht, wie wir sie uns gestalten. Demokratie bedeutet Arbeit und braucht Geduld. Sie lebt vom Mitmachen. Das erfordert Zeit, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Die Beweglichkeit demokratischer Systeme müssen wir genauso aushalten, wie die ständige Konfrontation mit äußerst unterschiedlichen Weltsichten und extremen Meinungen. Anstrengend! Aber den wohlmeinenden Diktator gibt es nicht und Autokraten gehen nie freiwillig.

Eine klare Haltung bedeutet nicht, anderen das eigene Modell aufdrücken zu wollen, ganze Nationen zu dämonisieren oder mental wieder in Denkschablonen des Kalten Krieges zu verfallen. Klare Haltung heißt zu wissen, wo Norden ist. Das entsprechende Handeln folgt dann (fast) von allein…

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Frauentag?!

Pune, eine Millionenstadt nicht weit von Mumbai, ist bekannt als boomender Wirtschaftsstandort und Sitz des Ashram von Osho. Es ist Anfang März. Die Tage sind lang und vollgestopft mit Gesprächen und Eindrücken. Eines Morgens ist die Stimmung im Büro aufgekratzt und noch fröhlicher als sonst. Alle – bis auf eine – erscheinen in ihren besten und farbenfrohsten Saris. Ein besonderer Tag?! Was wird gefeiert? „Frauentag?!“ weiterlesen

Liebe Fanatiker

So lautet der Titel eines der zuletzt erschienenen Essays von Amos Oz*. Amos Oz starb Ende Dezember 2018 im Alter von 79 Jahren. Er gilt als einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller und war in Deutschland besonders beliebt. In seinem Essay bezeichnete er sich selbst als „Fachmann für vergleichende Fanatismusforschung“, was man mit Blick auf seine Lebensgeschichte gut nachvollziehen kann.

Fanatismus ist kein neues Phänomen, aber hat immer dann Hochkonjunktur, wenn Zeiten als unsicher und krisenhaft erlebt werden. „Liebe Fanatiker“ weiterlesen

Rassisten sind immer die anderen

In einer demokratischen Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt alle Menschen als gleichwertig zu achteten und zu behandeln, ist Rassismus ein schwerwiegender Vorwurf. Er negiert den Grundsatz von der Gleichwertigkeit aller Menschen und stellt den Universalitätsanspruch der Menschenrechte in Frage. Selbstverständlich halten wir uns mehrheitlich für humanistisch und egalitär eingestellt. „Rassisten sind immer die anderen“ weiterlesen