Mehr Solidarität?

Solidarität hat Hochkonjunktur. Fast täglich werden wir aufgerufen uns solidarisch zu zeigen. Forderungen kommen aus Politik, Zivilgesellschaft, von Kirchen oder prominenten Künstlern. Krisen- und Solidaritätsrhetorik sind inflationär geworden. Man kommt fast nicht mehr mit, auch emotional. Abstumpfung droht.

Selber einen echten Beitrag zu leisten, ist auch deutlich schwieriger als Solidarität von anderen einzufordern. Das große, gute Ideal der Solidarität ist nicht nur zu einem ausgelatschten und überstrapaziertem Begriff geworden, sondern wurde auch allzu oft politisch missbraucht. „Solidarität“ mit anderen autoritären Regimen war Staatsdoktrin der SED-Führung. Gemeint waren Waffenlieferungen oder Entwicklungshilfe. Sie hatten wirtschaftliche, militärische oder politische Interessen. Auch die Bürger wurden verpflichtet. Nur, wer verpflichtet und gezwungen wird, verliert bald jeden Gemeinsinn. Zurück blieb ein verbrannter Begriff, der für ein paar Jahrzehnte in Quarantäne musste. Und heute? Linke sprechen von Globaler Solidarität, Rechte meinen eine völkische – gnadenlos überdehnt oder bis zur Unkenntlichkeit verengt.

Der Solidaritätsbeitrag, der von anderen eingefordert wird, führt das Konzept des freiwilligen Einstehens für andere aus dem Gefühl bürgerlicher Verantwortung oder Nächstenliebe ad absurdum. Solidarität entspringt einem Gefühl der Verbundenheit und bedeutet aus freien Stücken anderen beizustehen, ihre Ideen und Ziele zu unterstützen. Dabei mobilisieren uns oft Notlagen und offenkundige Missstände. Solidarität braucht den emotionalen Impuls, bezieht sich auf bestimmte Gruppen oder Individuen. Sie wirkt ansteckend, wie Wellen solidarischen Handelns in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 oder im Frühjahr 2020, dem Beginn der Corona-Pandemie bei uns gezeigt haben. Wellen aber ebben ab. Gemeinschaftliches Engagement und insbesondere Solidarität sind fragil. Oft verlieren wir schnell wieder den Faden. Außerdem braucht Solidarität Vertrauen, dass unser Einsatz nicht in eine Enttäuschung mündet. Daher funktioniert Solidarität für die Gruppe, die als die eigene angesehen wird, immer noch am besten. Das Wir für uns aber verstellt den Blick für vergleichbare Problemlagen anderer und die Hebel größerer gesellschaftlicher Allianzen.

Schöner, weil stabiler und wirkmächtiger als solidarische Gesten / Impulse / Wellen oder Solidarität für unsereins ist die Politische Freundschaft*. Wir verbünden uns mit Anderen und zwar auf Dauer und nicht nur bei Anlässen, weil wir das gemeinsame größere Interesse sehen (können).

* Max Czollek

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Drei Jahrzehnte…

ist es her, dass aus den zwei deutschen Staaten einer wurde. 3. Oktober 2020 in Köln. Der Himmel ist grau, Nieselregen, Ruhe. Es könnte Allerheiligen sein. Der Tag der Deutschen Einheit scheint hier nicht stattzufinden. Während die Straßen in Köln ruhig und leer sind, finden zur gleichen Zeit in Berlin 70 Demonstrationen statt.

Voll sind nicht nur Straßen und Plätze in Berlin, voll sind auch die Medien. Interviews mit Zeitzeugen, ökonomische Kennziffern, Portraits ostdeutscher Unternehmerpersönlichkeiten. Es gibt kritische Geschichten, wie „Vor 30 Jahren: Mit Randale in die Einheit“ (Deutsche Welle, Bonn), aber auch ausschließlich positive, wie „30 Jahre Deutsche Einheit: ein Erfolg! Die Lage in Ostdeutschland ist viel besser, als viele vermuten. Man muss nur genau hinsehen“ (Friedrich Naumann Stiftung). Studien, wie „30 Jahre danach: Ost und West uneins über Deutsche Einheit“ von der Bertelsmann-Stiftung, analysieren auf Basis repräsentativer Befragungen, wie Menschen auf Ereignisse schauen. In überregionalen Medien gibt es Sonderbeilagen. Man will es auf jeden Fall gut machen, entweder kritisch, weil nur kritisch gut ist oder positiv-wertschätzend, weil Berichterstattung allzu oft pauschalierend und im Ton herabsetzend war.

In Köln sitzend, wirken die sonntägliche Ruhe, der Kontrast zu Berlin und Medienwelt seltsam. Gleichzeitige Ungleichzeitigkeit auch, weil der Tag für einen selbst wichtig ist. Im Zweifel skeptische Blicke. Geteilte Großfamilie, deutsch-deutsche Kleinfamilie. Das Verständnis hält sich in Grenzen. Man bleibt gern bei dem, was man denkt. Als „Fernsehereignis“ hat der Tag für viele die Qualität eines geschichtlichen Datums. Eine Zäsur, auch „Wende“ im Leben für die einen, ein Datum für andere. Wieder andere erinnern sich mit grenzenlosem Unbehagen an offenen Nationalismus und Gewalt gegenüber Zugewanderten in den 1990er Jahren. Perspektiven sind sehr verschieden und Asymmetrien offensichtlich. Darüber wäre es wichtig zu reden. Auch über Fragen wie, was es bedeutet deutsch zu sein, was Identität ausmacht. „Nationales“ war entweder geschickt umdribbelt, unterdrückt oder unbesprechbar. Der Einheitstag als Zumutung, vom Konzept des Nationalfeiertages erst gar nicht zu reden. Wenn eine Fußball-WM stattfindet, sieht die Sache übrigens anders aus, Fähnchen wohin das Auge schaut und zwar im ganzen Land. Kaum jemand scheint dabei Bauchgrummeln zu haben. Geht ja nur um Fußball! Tatsächlich? Sind nicht doch ein paar Fragen offen? Sehnsucht und Suche nach positiven kollektiven Bezugspunkten? Die Friedliche Revolution ist das beste Stück Geschichte, dass wir haben. Sie hat viel positive Energie erzeugt und Menschen auf der ganzen Welt Mut gegeben. Der 3. Oktober könnte Köpfe und Gespräche anstupsen. Das braucht aber keine runden Jahrestage. Wir können auch nächstes Jahr anfangen.

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Soll doch jeder glauben, was er will…

aber bitte PRIVAT!

Natürlich befürworten die allermeisten, dass jeder Mensch das Recht hat einer oder keiner Religion anzugehören oder sie auch zu wechseln. Religionsfreiheit ist ein Grundrecht und als solches im Grundgesetz verankert. Soweit so gut, theoretisch. Denn, wird Religion sichtbar gelebt und taucht im öffentlichen Raum und im Alltag auf, dann wird es schon schwieriger mit der Toleranz.

Wieder jüdisches Leben in Deutschland? Wunderbar! Nur, manchen Juden sind eben das Tragen der Kippa und das Einhalten der Feiertage wichtig. Mit dem Islam tun sich sowieso viele schwer. Über das Tuch wird so viel gestritten, dass der individuelle Kopf darunter regelmäßig aus dem Blickfeld rutscht. Kleider- und Speisevorschriften oder Feiertage, die quer zum Mehrheitsrhythmus stehen, stören schnell. Aber auch Katholiken, die auf Pilgerfahrt gehen, bekommen scheele Blicke. Haben wir das nicht hinter uns gelassen, uns befreit von alledem?

Wer aus religiösen Gründen seinen Kopf bedeckt, gilt rasch als jemand, der eine Sonderstellung für sich beansprucht oder aber partout nicht integrieren will. Religionen werden oftmals als Ursache von Konflikten angesehen, müssen für vieles herhalten. In gesellschaftlichen Debatten ist ihre Rolle größer, als im Leben der allermeisten. Man könnte sich locker machen oder auch mal schauen, wie selbstverständlich religiöses Leben im Alltag anderer Gesellschaften stattfindet. Letztlich ist alles auch eine Frage dessen, was mehrheitlich als Normalität wahrgenommen wird. Wer barhäuptig in Jerusalem unterwegs ist, dem fällt es vielleicht auch auf.

In vielen Köpfen hält sich die Vorstellung, dass die säkulare, freiheitliche Gesellschaft eine große Errungenschaft ist – Ja, richtig! – die selbstverständlich auch das Religiöse weit hinter sich gelassen hat. Dabei gibt es ein ausgeprägtes Bedürfnis nach mehr Sinn im eigenen Leben, nach Orientierung, unhinterfragter Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, Spiritualität, Erdung. Nicht umsonst sehen manche Lebensmodelle stark nach einer Ersatzreligion aus. Freiheit von scheint für manche gar nicht so leicht, bedeutet es eben auch die Freiheit, sich für etwas zu entscheiden, dem eigenen Leben selbst Richtung und Struktur zu geben. Manchen hilft Religion oder sie finden etwas anderes. Nicht wenige aber suchen und suchen. Wer sucht, fühlt eine Lücke. Vielleicht ist diese säkulare Lücke zumindest zum Teil Ursache für den ausgesprochen unentspannten Umgang mit Religion? Mal darauf meditieren?

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Ich bin ok. Extrem, das sind die anderen!

Gesellschaft ist gespalten, Polarisierung nimmt zu. Risse ziehen selbst durch manche Familien. Halb bewusst oder unbewusst sortieren sich Freundes- und Bekanntenkreise neu. Um des lieben Friedens willen wird nicht selten vermintes Gelände umschifft. Bloß kein Streit! Allgemeine Sehnsucht nach mehr Einigkeit. Gleichzeitig große Empfindlichkeit – schon sichtbar andere Lebensvorstellungen werden als nervig oder gar Provokation empfunden. Das was Konflikte verursacht und schürt, kommt immer von außen, kommt von anderen. Ordentlich Sprengstoff liegt in Themen, wie Flucht, Zuwanderung und Integration. Auch Religion stört schnell (Privatsache!) und ist ein zuverlässiger Garant für hitzige Debatten.

Wir beobachten gesellschaftliche Veränderungen genau, aber wir nehmen sie als Phänomene wahr, die außerhalb von uns passiert. Wir sind von Entwicklungen natürlich nicht erfasst. Sich selbst dabei reflektieren, eigenes Verhalten hinterfragen? Warum? Das Problem bin nicht ich! Ich bin ok. Extrem, das sind die anderen. Ich steh auf der richtigen Seite. Andere müssen ihre Einstellungen korrigieren und vor allem ihr Verhalten. Wie geht das zusammen? Wir alle nur Beobachter, betroffen, genervt von dem, was in und mit Gesellschaft passiert? Schnell ist dabei nämlich auch ausgemacht, wer was tun muss. Wer, das sind die [***]. Wer, das ist im Zweifel man und schließlich natürlich immer auch der Staat. Am Rande stehend, sehen wir unseren eigenen Anteil an Gesellschaft, wie sie ist und sich entwickelt, nicht. An dieser Stelle darf das ICH mal groß geschrieben werden. Denn – ICH bin Teil der Gesellschaft, Teil des Problems, kann damit auch zur Lösung beitragen und Element einer Brücke über gesellschaftliche Gräben sein oder aber weiter müde daneben stehen…

[***] bitte selbst, je nach persönlichen Standpunkt, etwas eintragen 🙂

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Bowling Alone

…ist der Titel einer Studie des Harvard-Professors Robert D. Putnam, ein Klassiker in den Sozialwissenschaften. Er hatte beobachtet, dass Menschen zwar nach wie vor gern bowlen, aber immer weniger in Vereinen. Sinnbild der Entwicklung sind die Fitness Studios, die in den 90er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. Aber es geht auch mit noch weniger sozialer Interaktion. Yoga via Zoom funktioniert prima. Viele machen das Gleiche, aber jeder für sich.

„Was wir tun, wenn wir tätig sind“, interessierte Hannah Arendt hat schon in den Sechzigerjahren. Ihre Beobachtungen und Analysen klingen erstaunlich aktuell. Arbeit und Konsum, das sind die beiden Pole zwischen denen sich Leben abspielt. Mehr Freizeit heißt mehrheitlich schlicht mehr Konsum. Auch mehr Lebensglück? Menschen werden „weltlos“, sagt Hannah Arendt. Das klingt nach Lost in Space und meint es im Grunde auch. Es mangelt an Perspektive, denn es gibt nur eine und zwar die eigene. Auf sich selbst zurückgeworfen, ist man ist mit sich beschäftigt und interessiert sich kaum für Welt außerhalb des eigenen Kosmos. Gefühlt geht einen nichts wirklich an. Theoretisch könnte man viel, aber will nichts. Keine Phantasie für die Zukunft. Frei, aber eben auch disconnected. Immer beschäftigt, aber passieren tut nicht viel. Stillstand führt zu einem penetranten Gefühl der Leere.

Übertrieben? Nun, Welt ist nicht schwarz-weiß. Das Gefühl aber, dass dem Leben Sinn und Richtung fehlt, kennen einige. Sehnsucht nach guten, tragfähigen Verbindungen haben viele. Jobs geben Struktur, füllen Tage, bestimmen sozialen Kontext. Zu Beginn der Corona-Krise war plötzlich viel weg, für manche fast alles. Gemeinschaften mit solider Basis und von guter Substanz fanden schnell auch digital zusammen. Sie bleiben auch unter widrigen Umständen vital. Geteilt-gelebte Leidenschaften, Interessen und gemeinsames Tun schaffen Tiefe, ein Nebeneinander-her-konsumieren nicht. Konsumenten halten auch keine Demokratie am Leben. Es braucht Bürger, Menschen, die sich für etwas entscheiden, die machen, sich verantwortlich fühlen. Keine Organisation oder Gruppe passt perfekt, aber ohne geht es nicht. Nachbarschaftsinitiativen, Musikbands, demokratische NGOs und Parteien, Theatergruppen – sie bilden das Grundgewebe unserer Gesellschaft. Im Übrigen sind die Zumutungen, die wir in dem miteinander Tun erleben elementar und Teil der Übung 😉

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Wer im Glaskäfig sitzt…

… sitzt da selten freiwillig. Sprache, so sagt Kübra Gümüşay, kann man auch als einen Ort oder sehr großes Museum denken. Kuragiert haben dieses Museum die Menschen, die Standard sind, die Norm markieren. Es zeigt die Welt aus ihrer Perspektive. Wer jenseits der gesellschaftlichen Normalnull verortet, als anders, fremd oder einfach ungewohnt angesehen wird, landet in einer der Vitrinen des Museums, wird kategorisiert, mit Kollektivnamen versehen. Dort verschwindet der Einzelne, das Individuum, der Mensch. Er wird zum Vertreter „seiner“ Gruppe, auch wenn seine persönliche Selbstverortung möglicherweise anders ausfällt. Schnell sieht man in ihm einen Experten. Er hat Auskunft zu geben, muss erklären und dabei nicht das eigene Tun rechtfertigen, sondern auch das anderer Gruppenmitglieder.

Einen Exit aus diesem Frage-Antwort-Spiel gibt es nur für diejenigen, die die Chance haben sich mit „ihrer“ Kategorie unsichtbar zu machen. Wer als Teil des Mainstream angesehen wird, lebt freier, redet über selbstgewählte Themen. Muslimische Frauen, die ihren Kopf bedecken, fühlen vermutlich oft die Hitze des Scheinwerfers auf sich gerichtet. Die Fragen sind immer ähnlich. Im Mittelpunkt steht natürlich die Religion, aber oft geht es auch um Missstände (und nicht etwa Kunstszene oder Oppositionsbewegung) islamischer Ländern. Da hilft es auch nichts, in Bonn aufgewachsen zu sein. Wer Katholik oder Protestant ist, kann sich jetzt mal überlegen, wie oft er schon in die Verlegenheit kam, das Pfingstfest zu erklären. Selten? Genau. Juden werden gern zu israelischer Regierungspolitik oder dem Nahost-Konflikt befragt, auch wenn sie vielleicht nur hin und wieder in Tel Aviv Urlaub machen. Wer zufällig im Osten Deutschlands geboren wurde, ist natürlich prädestiniert den Osten, inklusive „Chemnitz“ und AfD, zu erklären. Dabei spielt es keine Rolle, wenn man seit zwei Jahrzehnten ganz woanders lebt. Natürlich meint es (fast) niemand böse. Aber es zeigt, entlang welch festem Raster unser Denken läuft, insbesondere wenn Fragen unter den Nägeln brennen.

Gesellschaftliche Kategorien und Gruppenbezeichnungen sind praktisch. Ohne Begriffscontainer geht es nicht. Im Alltag sind sie grobe Navigationshilfe, aber damit hat es sich auch schon. Menschen lassen sich eben nicht wie chemische Elemente in ein übersichtliches Raster packen. In jedem von uns steckt Vielfalt, Komplexität, manchmal Widersprüchliches. Wir alle wollen in erster Linie als Mensch und Individuum wahrgenommen werden. In Glaskäfige gedacht und gesprochen zu werden nervt.

Kübra Gümüşay (2020): Sprache und Sein

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Mit eigener Stimme*

Als Musiker mag man sie. Konzerte von Roma-Bands sind beliebt in Köln. Auch Carmen ist populär. Ihr Mythos ist zeitlos. Die Oper ist eine der erfolgreichsten überhaupt und der Stoff hat einige Filmemacher inspiriert. Beim Karneval ist Carmen dabei, ebenso wie die schöne Esmeralda (Der Glöckner von Notre Dame) oder die geheimnisvolle Wahrsagerin. So sieht das „positive“ (Fremd-)Bild einer Romni aus – exotisch-schön, verführerisch, mit unbändigem Freiheitsdrang und viel Lebenslust. Erotisierende und romantisierende Darstellungen waren jahrhundertelang beliebte Sujets in europäischer Literatur und Malerei. Nicht schlimm? Fragen wir Menschen, die betroffen sind. Mehrheitsgesellschaften sprechen über Minderheiten, kreieren Vorstellungen und Bilder. Dabei werden Minderheiten zu homogenen Gruppe gemacht mit bestimmten, unveränderlichen Eigenschaften, die sie außerhalb von Gesellschaft und Normen verorten. Die ebenso bekannten negativen Bilder sind Teil der gleichen Konstruktion.

Tatsächlich wissen wir mehrheitlich wenig. Jeder spreche über sich, daher hier nur ein paar Denkanstöße. Die Sinti und Roma gibt es nicht. Menschen, die dazu gehören, sind Angehörige ganz verschiedener regionaler, nationaler und auch sprachlicher Gruppen mit sehr unterschiedlichen individuellen Lebensentwürfen. Es gehören alteingesessene deutsche Sinti Familie dazu, aber auch Menschen, die vor den Jugoslawienkriegen flüchten mussten. Große Vielfalt, aber was verbindet? Zentral für Identität und Kultur aller Gruppen ist Romanes, die gemeinsame Sprache. Aber auch sie ist Spiegel der Vielfalt und ihr Reichtum an Dialekten groß. Was aber Menschen ungeachtet ihrer verschiedenen Lebenswege und Milieus gleichermaßen trifft, ist die ungebrochene Kontinuität von Diskriminierung. Vorurteile halten sich hartnäckig, denn sie hatten schon immer wichtige Ordnungs- und Orientierungsfunktion für Mehrheiten und dienten ihrer kollektiven Selbstvergewisserung. Wer kann, macht sich also lieber unsichtbar, lebt sein Leben. Prominente Vorbilder gibt es nur wenige.

Wen kennt, sieht und hört man? Recht bekannt ist die Schlager- und Popsängerin Marianne Rosenberg. Ihr Vater Otto Rosenberg überlebte Auschwitz und hat darüber in seiner Biografie berichtet. Prominente Sinteza ist auch Dotschy Reinhardt. Sie ist Jazzmusikerin und als Menschenrechtlerin in Berlin aktiv. Den Rapper Sido kennt sicher jeder. Besser wahrgenommen werden in Köln noch die recht bekannten Musikfestivals, denn sie sind mehrheitlich gut anschlussfähig. Ins Bild passen auch Bettler und Flaschensammler, die ungeachtet ihrer tatsächlichen Herkunft oft als Roma angesehen werden. Damit hat es schon fast, denn wer weiß schließlich, dass sein Kreditberater bei der Sparkasse einer Sinti Familie entstammt oder, dass der vom Balkan eingewanderte Kollege Rom ist? Aber Zeiten beginnen sich zu ändern. Junge Aktivistinnen betreten die gesellschaftliche Bühne, streiten selbstbewusst für gleiche Chancen und dekonstruieren tradierte Vorurteile. Roma werden als vielfältige Künstler sichtbarer, nicht nur in der Musik, sondern auch in Literatur, wie die in Köln lebenden Autoren Jovan Nikolić oder Ruždija Russo Sejdović. Die Berliner Galerie Kai Dikhas („Ort des Sehens“) präsentiert seit 2011 zeitgenössische Kunst von Sinti und Roma aus ganz Europa. MIT EIGENER STIMME erzählen Menschen ihre eigenen Geschichten, die so individuell und verschieden sind, dass sie in keine der bekannten Schubladen passen.

*Bühnenstück Theater TKO Köln, Regie & Dramaturgie Nada Kokotovic, nach „Voices of Victims“ – RomArchive, Dr. Karola Fings http://kokotovic-nada.de/logicio/pmws/indexDOM.php?client_id=tko&page_id=stuecke&lang_iso639=de&play_id=miteigenerstimme

Berliner Galerie Kai Dikhas https://kaidikhas.de/de/gallery

Literatur von Sinti und Roma auf der Frankfurter Buchmesse 2019 https://zentralrat.sintiundroma.de/buchmesse/

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Ich sehe was, was Du nicht siehst…

heißt ein bekanntes Kinderspiel. Klingt logisch, aber kurz drüber nachdenken lohnt. Wer mehr vom großen Ganzen sehen und gesellschaftliche Probleme besser verstehen will, muss regelmäßig die Perspektive wechseln. Voraussetzung ist jedoch, sich eigener Wahrnehmungsgrenzen und „Sehfehler“ überhaupt bewusst zu sein. Außerdem braucht es Offenheit, Menschen außerhalb des eigenen „Kosmos“ zu treffen und zu versuchen, die Welt aus ihren Augen zu sehen. Andersdenkende sind zunächst erstmal auch Anderssehende. Mut gehört dazu, denn eigene Wahrheiten werden potentiell von anderen herausgefordert. Wir werden uns unserer „blinden Flecke“ bewusst. Gemütlicher segelt es sich natürlich in widerspruchsfreien Gewässern. Dank selektiver Wahrnehmung kommen wir damit auch recht weit. Erlerntes und Erlebtes hat Strukturen im Gehirn hinterlassen und beim Aufnehmen neuer Informationen knüpfen wir an bekannte Muster an. Wir sehen einfach nur bestimmte Facetten unserer Umwelt. Der große „Rest“ wird weiträumig ausgeblendet. Kein Wunder also, dass wir unsere eigenen Wahrheiten fortlaufend und automatisch bestätigt sehen. Informationen, die diese untergraben würden, fallen meist unter den Tisch. Das macht das Leben einfacher. Im Übrigen prägen auch Berufe die Sicht auf die Welt und wenn sich Freundeskreise dann ebenfalls aus ähnlichen Kontexten rekrutieren, bleibt die Welt rund. Wie komfortabel sich jeder einzelne damit fühlt, mag seine Angelegenheit sein. Aber Wahrnehmung schafft Realität und hat gesamtgesellschaftliche Relevanz. Entscheidenden Einfluss auf das Gelingen von Integration beispielsweise hat, wie Migration (konfliktbeladen, problematisch?) und Zugewanderte (Gefahr für Wohlstand und Sicherheit?) von vielen in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Stereotype Wahrnehmung von gesellschaftlichen Großgruppen zementieren bestehende Verhältnisse, auch wenn man dann die Ursachen in Biologie, Religion oder `Kultur´ zu sehen meint. Insofern lohnt es, alternative Blickwinkel auszuprobieren. Es ist wie bei der ersten Bergtour. Leichte Schwindelgefühle am Anfang sind normal, aber Selbst- und Trittsicherheit nehmen rasch zu. Davon profitiert sogar jeder persönlich. Also legen wir los. Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist…

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Ohne Frauen ist kein Staat zu machen* – und auch keine Revolution

Ersteres braucht man heute kaum mehr zu betonen. Letzteres gerät gern aus dem Blick und in Vergessenheit. Autonome Frauengruppen gab es, trotz fehlender Grundrechte und Repressionen, auch in der DDR. Grundsätzlich ging jeder, der sich engagierte ein persönliches Risiko ein, aber für Frauen, die Kinder hatten, war es besonders hoch. Viele dieser Frauengruppen waren im Kontext der Friedensbewegung in den 80er Jahren entstanden und sie spielten eine wichtige Rolle in der Friedlichen Revolution. Die Frauen protestierten nicht nur gegen die Diktatur, sondern kritisierten auch die Geschlechterverhältnisse in der DDR. Sie wollten die Demokratisierung des Landes vorantreiben und mit tatsächlicher Gleichberechtigung verbinden. Die Frauen fürchteten zu Recht nach Öffnung der Mauer, dass sie ihre wenigen Errungenschaften, wie die umfassende Kinderbetreuung oder das liberale Abreibungsrecht, wieder verlieren würden. „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ war einer der Slogans damals. Um an den Runden Tischen und den ersten freien Wahlen im März 1990 teilnehmen zu können, schlossen sich zahlreiche, ganz unterschiedliche Initiativen und Gruppen zum Unabhängigen Frauenverband zusammen.

Die Ereignisse überschlugen sich. Die Einheit kam schneller als gedacht. Der Zusammenbruch der maroden Wirtschaft kostete enorm vielen Menschen den Arbeitsplatz. Oft waren es die Frauen, die ihre Familien finanziell über Wasser hielten. Die allermeisten Frauen waren in der DDR voll erwerbstätig gewesen, wollten und mussten es auch bleiben. Sie kämpften um die Anerkennung ihrer Abschlüsse und fingen nicht selten in der Mitte ihres Lebens beruflich nochmal ganz neu an. Frauen hatten schon immer viel zu schultern gehabt, waren flexibel, pragmatisch und sturmerprobt. In den Umbruchsjahren sorgten sie für Stabilität. Die in dieser Zeit heranwachsenden Töchter sahen ihre Chancen, lernten fleißig, studierten schnell und gingen schließlich dahin, wo sie die besten Möglichkeiten sahen. Endlich war die Welt war groß und so vieles schien möglich. „Hilfe, die Frauen fliehen“ titelte 2002 dann Der Spiegel. Was das mit der Demografie mancher Orte gemacht hat und heute für Sozialstruktur sowie politisches Klima bedeutet, ist spätestens seit den letzten Landtagswahlen von allgemeinem Interesse.

Ohne Frauen ist eben kein Staat zu machen und für Regionen sieht es auch trübe aus.

Urheber: Hartmut Kelm
19. November 1989, Frankfurt (Oder)
Lizenztyp CC BY-NC-ND 3.0 DE

*aus dem Gründungsmanifest Unabhängiger Frauenverband, Dez 1989

Robert-Havemann-Gesellschaft: Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht! Frauenwiderstand in der DDR der 1980er Jahre https://www.havemann-gesellschaft.de/ausstellungen/frauenwiderstand-in-der-ddr-der-1980er-jahre/

Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF), interaktives Fachportal zur Geschichte der Frauenbewegungen in Deutschland https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/start

Katja Salomo: Abwanderung, Alterung, Frauenschwund. Die verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft: https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/abwanderung-und-alterung-gefahr-fuer-die-demokratie

 

„Das Vergangene ist nicht tot;…

es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“*

Das Vergangene ist nicht tot. Es steckt in uns drin, lebt mit und über uns weiter. Geschichtliche Ereignisse hinterlassen ihre Spuren in Menschen, werden an nachfolgende Generationen weitergeben. Manches wird erzählt, anderes nur angedeutet oder verschwiegen. Wertvorstellungen, Kategorien, Ideen und Handlungsmuster werden in großem Maße auch durch das nicht Besprochene und das nicht selbst Erlebte bestimmt. Das Vergangene sitzt in uns, ist Teil von uns, ob wir wollen oder nicht. Dabei fühlt sich Geschichte oft abgeschlossen und selbst Neuste Geschichte weit weg an.

Das Vergangene ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd. Sich selbst von individueller und kollektiver Geschichte abzuschneiden, liegt aus verschiedenen Gründen nahe. Einiges ist sehr dunkel, bleibt unbegreiflich. Verdrängen und vergessen ist auf jeden Fall bequemer. Gegenwart hält uns auch so gut auf Trab. In der eigenen Biografie gibt es Störendes, Kompliziertes oder Schmerzhaftes. Da wollen wir lieber frei und unbelastet unserer eigenen Wege gehen. Nur, Luftwurzler sind wir nicht, selbst wenn wir uns streckenweise so fühlen.

Über vieles wissen wir ganz gut Bescheid, gut genug, sagen nicht wenige. Einspruch! Wir stellen uns dennoch fremd, denn in unserer Wahrnehmung hat das Vergangene oft nicht viel mit uns selbst zu tun. Nicht um das Wissen geht es, sondern um eine Auseinandersetzung die Geschichte mit uns und heute verbindet. Es geht darum, dass wir uns selbst in Beziehung setzen mit dem Vergangenen. Wie hätte ich entschieden, gehandelt, gelebt, gefühlt? Was von „damals“ steckt heute noch in mir, in Gesellschaft? Was bedeutet das für unsere Vorstellung von Zukunft? Andernfalls bleiben wir unbeteiligte Beobachter, in uns tut sich nichts. Lehren aus Geschichte kann nur jeder einzelne für sich ziehen. Unreflektiert sorgen wir selber für Kontinuitäten von denen wir meinen, sie hätten nichts mit uns zu tun. Nicht die Gesellschaft handelt, sondern jeder einzelne von uns. Wie in Gesellschaften mit Geschichte(n) umgegangen wird, sagt auch einiges über ihr Selbstverständnis und die Art des Miteinanders aus. Manches lag lang oder liegt noch immer im persönlichen oder kollektiven toten Winkel. Warum? Fragen sind eher unbequem, auch die nach dem eigenen Desinteresse.

Schneiden wir uns ab vom Vergangenen, so zahlen wir einen Preis. Wahre Freiheit kommt erst nach der Auseinandersetzung und zwar einer, bei der wir mit Kopf und Herz dabei sind. Die Beschäftigung mit dem Schmerzhaften muss nicht schwächen, im Gegenteil. Wer sich einlässt, sieht heute mehr und gewinnt an Klarheit mit Blick auf das eigene Handeln. Das Vergangene lebt. Nichts verschwindet. Nehmen wir an, was ist und machen wir etwas daraus.

*Christa Wolf, Kindheitsmuster

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