Die große Erschöpfung

Soziales und gesellschaftliches Leben läuft auf Sparflamme, zu viel Vereinzelung. Der Tank ist ziemlich leer, die Laune im Keller. Unfreiwilliges Corona-Biedermeier und gleichzeitig immer wieder der krampfhafte Versuch aus den Umständen das Beste, meist für sich selbst (der nächste Urlaub!), herauszuholen.

In der medialen Berichterstattung scheint es nur noch ein Thema zu geben, Kennziffern und technische Details zur pandemischen Lage, Maßnahmen, Meinungen und viel Lamento. Natürlich haben geschlossene Schulen, Einzelhandel, Restaurants und Bühnen herbe Folgen, aber der Horizont scheint schmal geworden. Manches ist aus dem Blick geraten. Fragen nach Impftermin und Reisemöglichkeiten im Sommer bewegen deutlich mehr, als gesellschaftliche Langzeitschäden oder die Auswirkungen von Corona auf Lieferketten oder Erwerbsmöglichkeiten für Menschen in Brasilien, Indien, Marokko oder Ländern des Globalen Südens. Der Fokus ist national geworden, die Debatte zumindest in Teilen ziemlich flach und seltsam provinziell.

Unterbelichtet geblieben sind auch die Folgen von Corona auf Demokratie und Menschenrechte. Laut Nichtregierungsorganisation Freedom House hat sich seit Beginn der Pandemie ihr Zustand in 80 Ländern verschlechtert. Besonders schlimm trifft es Menschen in noch nicht gefestigten, jungen Demokratien und in stark repressiven Staaten. Insbesondere Minderheiten und marginalisierte Bevölkerungsgruppen haben zu leiden, werden zu Sündenböcken gemacht und zusätzlich diskriminiert. So wurden z.B. in Bulgarien Viertel, in denen mehrheitlich Roma leben härteren Bewegungseinschränkungen unterworfen, als andere Wohnviertel. https://freedomhouse.org/article/new-report-democracy-under-lockdown-impact-covid-19-global-freedom

Wenig gesprochen wurde auch über Einschränkungen kollektiver Beteiligungsrechte, wie Wahlen. Basierend auf Erhebungen des International Institute for Democracy and Electoral Assistance (IDEA) wurden in mindestens 78 Staaten seit Frühjahr 2020 Wahlen und Referenden verschoben. Katapult hat das Thema aufgegriffen und anschaulich darstellt. https://katapult-magazin.de/de/artikel/verschoben-wegen-pandemie

Die Pandemie ist eine ernste Bedrohung für alle und super nervig für jeden Einzelnen, aber die Lasten treffen uns hier und Menschen anderswo sehr unterschiedlich. Wer ist besondere betroffen und wird derzeit kaum gehört? Wer wird nach der Pandemie besonders mit den Folgen zu kämpfen haben? Wo sind Langzeitschäden zu erwarten, wo gesellschaftliche Strukturen kaputt und reparaturbedürftig? Zivilgesellschaftliche Organisationen sind schon lang dran, laufen trotz widriger Umstände tapfer weiter, kümmern sich um die sozialen Folgen, die Bekämpfung von Fake News oder Korruption im Zusammenhang von Corona. Wer braucht Unterstützung in Form von Geld oder helfender Hände und Köpfe? „Winterschlaf“ oder Corona-Biedermeier muss man sich leisten können, aber eigentlich können wir es nicht.

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Unsichtbare Feinde

Demokratien können mit einem Putsch untergehen, mit einem Krieg, einer Revolution. Sie können aber auch allmählich sterben, ohne jedes Drama eingehen. Ein allmählicher Prozess, der irgendwann anfing. Wie das aussehen könnte, zeigt Juli Zeh in „Leere Herzen“. Die BBB, „Besorgte-Bürger-Bewegung“, ist an Macht. Ein „Effizienzpaket“ nach dem anderen wird verabschiedet und auf die Art sukzessive die Demokratie abgebaut. Die meisten Menschen scheint das nicht zu interessieren. Das Leben geht weiter. Die Veränderungen haben erstmal keinen großen Einfluss auf Alltag und Lebensqualität der meisten. Es herrscht allgemeine Gleichgültigkeit. Politik, Religion, Gemeinschaftsgefühl und der Glaube an eine bessere Welt sind verlorengegangen. Überzeugungen? So gestrig wie Zeitung lesen. Die Gesellschaft im Roman ist sehr grob skizziert, aber die Bezüge zur Gegenwart sind deutlich.

Was gefährdet Demokratie?

Der demokratische Rückschritt beginnt an der Wahlurne denken einige mit Blick auf die Wahlerfolge von Rechtspopulisten und –Extremisten. Tatsächlich beginnt er aber schon viel früher, nämlich dort, wo Leute sich nicht als Teil einer größeren politischen Gemeinschaft fühlen, als Bürger, deren Stimme zählt und die über Möglichkeiten der Einflussnahme verfügen. Die „Partei der Nichtwähler“ erreichte bei der Bundestagswahl 2017 23,8%. Bei Kommunalwahlen in Köln wählt fast die Hälfte nicht und dass, obwohl Wahlergebnisse Einfluss auf Themen haben, die das Leben der meisten ziemlich direkt betreffen. In einer demokratischen Gesellschaft sind Wahlen die wichtigste Form der Partizipation. Hier manifestiert sich die politische Gleichheit der Bürger: „One men, one vote“. Politik reagiert auf zähl- und hörbare Stimmen. Wenn diejenigen, die ihren „Bürgerjob“ an den Nagel gehängt haben, immer mehr werden, steht Demokratie auf sehr wackeligen Beinen. Eine Mehrheit von Konsumenten könnte sie nicht mehr tragen.

Demokratie ist eine Aufgabe, für alle. Dazu gehört sich zu informieren, sich zumindest zu ein paar Themen eine Meinung zu bilden. Andernfalls kann man schlecht eigene Präferenzen mit den Angeboten der Parteien abgleichen. Demokratie erfordert Verhandlungen, Kompromisse, Zugeständnisse. Wer ein besseres Verständnis für politische Kommunikation und demokratische Prozesse hat, hat auch realistischere Erwartungen. Politiker-Bashing ist jedenfalls leichter, als sich den Politikbetrieb selbst mal genauer anzuschauen oder z. B. mitzuhelfen Themen auf die politische Agenda zu bringen.

Populäre Extremisten und Gegner der Demokratie gibt es immer. Die Frage ist, wie die Mehrheiten mit antidemokratischen Minderheiten umgehen. Hier liegt der Hebel. Gleichzeitig sitzt hier auch die Gefahr, wenn sich politische Apathie und Angst breit machen, die Vereinzelung zunimmt und mit ihr die größeren Ideen und gemeinsame Ziele verloren gehen.

 

Steven Levitsky / Daniel Ziblatt (2018): Wie Demokratien sterben
Juli Zeh (2017): Leere Herzen

Angst frisst Demokratie… ?

Angst ist ein Urgefühl. Sie signalisiert mögliche Gefahr, ist die narzisstischste aller Emotionen. Es geht um die eigene Sicherheit, das Überleben. Wer Angst hat, verschwindet in seinem Silo, verliert den Überblick. Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt der Volksmund. Sie kann einen validen Kern haben oder auch eine Reaktion auf eine wahrgenommene Gefahr sein. Angst vor sozialem Abstieg, Zuwanderung, Verlust an kultureller Identität, terroristischen Anschlägen, neuen Technologien, Covid 19, der Klimakatastrophe… Die Liste kollektiver Ängste ließe sich fortsetzen. Oft geht Angst mit dem Gefühl einher nichts tun zu können, Gefahren oder Veränderungen ausgeliefert zu sein.

Meist sitzen Ängste in den Tiefenschichten des Bauches, kaum beachtet und nicht wirklich von Bedeutung. Die Angst kann jedoch schnell nach oben gespült, durch politische Rhetorik mobilisiert werden. Gut, wenn das in eine konstruktive Auseinandersetzung mündet. Oft schlägt Angst jedoch in Wut und Aggression um, braucht ein Ventil, ein Feindbild oder Sündenbock. Auch so kann ein ehemals diffuses Gefühl Richtung bekommen. Das ist der Moment für populistische Angebote oder autoritäre Verführung. Ein „starker Führer“, der sich nicht um Parlamente und Wahlen kümmern muss, ist in Teilen der Gesellschaft durchaus attraktiv.

Wenn sich Angst und Unsicherheit breit machen, gewinnen autoritäre Antworten an Zustimmung. In abgeschwächter Form zeigt sich kollektive Verunsicherung auch in dem Ruf nach einem starken Staat. Die Politik ist gefragt, soll sich kümmern. Forderungen nach Verboten, Regeln, Gesetzen sind an der Tagesordnung. Aus den Untiefen der Gesellschaft tauchte im Corona-Jahr 2020 das längst vergessene Bild vom „Vater Staat“ wieder auf. Bürger als Kinder in einem wilheministischen Familienbild…?! Die Freiheit hat(te) wenig (hörbare) Fürsprecher (dafür einige falsche Freunde).

Angst kann die Sehnsucht nach der Abkürzung schüren und damit Löcher in das Fundament von Demokratien fressen. Eine Gesellschaft in Angst sitzt mutlos auf der Rückbank. Gründe für Angst gibt es immer, aber eigene Handlungsoptionen auch. Persönliches Rezept? Einfach machen, sich im Tun als wirksam erleben, sich zusammen mit Gleichgesinnten für Themen einsetzen, auch kleine Erfolge feiern, die Debatte mit potentiell Andersdenkenden nicht scheuen… 🙂

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Drei Jahrzehnte…

ist es her, dass aus den zwei deutschen Staaten einer wurde. 3. Oktober 2020 in Köln. Der Himmel ist grau, Nieselregen, Ruhe. Es könnte Allerheiligen sein. Der Tag der Deutschen Einheit scheint hier nicht stattzufinden. Während die Straßen in Köln ruhig und leer sind, finden zur gleichen Zeit in Berlin 70 Demonstrationen statt.

Voll sind nicht nur Straßen und Plätze in Berlin, voll sind auch die Medien. Interviews mit Zeitzeugen, ökonomische Kennziffern, Portraits ostdeutscher Unternehmerpersönlichkeiten. Es gibt kritische Geschichten, wie „Vor 30 Jahren: Mit Randale in die Einheit“ (Deutsche Welle, Bonn), aber auch ausschließlich positive, wie „30 Jahre Deutsche Einheit: ein Erfolg! Die Lage in Ostdeutschland ist viel besser, als viele vermuten. Man muss nur genau hinsehen“ (Friedrich Naumann Stiftung). Studien, wie „30 Jahre danach: Ost und West uneins über Deutsche Einheit“ von der Bertelsmann-Stiftung, analysieren auf Basis repräsentativer Befragungen, wie Menschen auf Ereignisse schauen. In überregionalen Medien gibt es Sonderbeilagen. Man will es auf jeden Fall gut machen, entweder kritisch, weil nur kritisch gut ist oder positiv-wertschätzend, weil Berichterstattung allzu oft pauschalierend und im Ton herabsetzend war.

In Köln sitzend, wirken die sonntägliche Ruhe, der Kontrast zu Berlin und Medienwelt seltsam. Gleichzeitige Ungleichzeitigkeit auch, weil der Tag für einen selbst wichtig ist. Im Zweifel skeptische Blicke. Geteilte Großfamilie, deutsch-deutsche Kleinfamilie. Das Verständnis hält sich in Grenzen. Man bleibt gern bei dem, was man denkt. Als „Fernsehereignis“ hat der Tag für viele die Qualität eines geschichtlichen Datums. Eine Zäsur, auch „Wende“ im Leben für die einen, ein Datum für andere. Wieder andere erinnern sich mit grenzenlosem Unbehagen an offenen Nationalismus und Gewalt gegenüber Zugewanderten in den 1990er Jahren. Perspektiven sind sehr verschieden und Asymmetrien offensichtlich. Darüber wäre es wichtig zu reden. Auch über Fragen wie, was es bedeutet deutsch zu sein, was Identität ausmacht. „Nationales“ war entweder geschickt umdribbelt, unterdrückt oder unbesprechbar. Der Einheitstag als Zumutung, vom Konzept des Nationalfeiertages erst gar nicht zu reden. Wenn eine Fußball-WM stattfindet, sieht die Sache übrigens anders aus, Fähnchen wohin das Auge schaut und zwar im ganzen Land. Kaum jemand scheint dabei Bauchgrummeln zu haben. Geht ja nur um Fußball! Tatsächlich? Sind nicht doch ein paar Fragen offen? Sehnsucht und Suche nach positiven kollektiven Bezugspunkten? Die Friedliche Revolution ist das beste Stück Geschichte, dass wir haben. Sie hat viel positive Energie erzeugt und Menschen auf der ganzen Welt Mut gegeben. Der 3. Oktober könnte Köpfe und Gespräche anstupsen. Das braucht aber keine runden Jahrestage. Wir können auch nächstes Jahr anfangen.

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Bowling Alone

…ist der Titel einer Studie des Harvard-Professors Robert D. Putnam, ein Klassiker in den Sozialwissenschaften. Er hatte beobachtet, dass Menschen zwar nach wie vor gern bowlen, aber immer weniger in Vereinen. Sinnbild der Entwicklung sind die Fitness Studios, die in den 90er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. Aber es geht auch mit noch weniger sozialer Interaktion. Yoga via Zoom funktioniert prima. Viele machen das Gleiche, aber jeder für sich.

„Was wir tun, wenn wir tätig sind“, interessierte Hannah Arendt hat schon in den Sechzigerjahren. Ihre Beobachtungen und Analysen klingen erstaunlich aktuell. Arbeit und Konsum, das sind die beiden Pole zwischen denen sich Leben abspielt. Mehr Freizeit heißt mehrheitlich schlicht mehr Konsum. Auch mehr Lebensglück? Menschen werden „weltlos“, sagt Hannah Arendt. Das klingt nach Lost in Space und meint es im Grunde auch. Es mangelt an Perspektive, denn es gibt nur eine und zwar die eigene. Auf sich selbst zurückgeworfen, ist man ist mit sich beschäftigt und interessiert sich kaum für Welt außerhalb des eigenen Kosmos. Gefühlt geht einen nichts wirklich an. Theoretisch könnte man viel, aber will nichts. Keine Phantasie für die Zukunft. Frei, aber eben auch disconnected. Immer beschäftigt, aber passieren tut nicht viel. Stillstand führt zu einem penetranten Gefühl der Leere.

Übertrieben? Nun, Welt ist nicht schwarz-weiß. Das Gefühl aber, dass dem Leben Sinn und Richtung fehlt, kennen einige. Sehnsucht nach guten, tragfähigen Verbindungen haben viele. Jobs geben Struktur, füllen Tage, bestimmen sozialen Kontext. Zu Beginn der Corona-Krise war plötzlich viel weg, für manche fast alles. Gemeinschaften mit solider Basis und von guter Substanz fanden schnell auch digital zusammen. Sie bleiben auch unter widrigen Umständen vital. Geteilt-gelebte Leidenschaften, Interessen und gemeinsames Tun schaffen Tiefe, ein Nebeneinander-her-konsumieren nicht. Konsumenten halten auch keine Demokratie am Leben. Es braucht Bürger, Menschen, die sich für etwas entscheiden, die machen, sich verantwortlich fühlen. Keine Organisation oder Gruppe passt perfekt, aber ohne geht es nicht. Nachbarschaftsinitiativen, Musikbands, demokratische NGOs und Parteien, Theatergruppen – sie bilden das Grundgewebe unserer Gesellschaft. Im Übrigen sind die Zumutungen, die wir in dem miteinander Tun erleben elementar und Teil der Übung 😉

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Ohne Frauen ist kein Staat zu machen* – und auch keine Revolution

Ersteres braucht man heute kaum mehr zu betonen. Letzteres gerät gern aus dem Blick und in Vergessenheit. Autonome Frauengruppen gab es, trotz fehlender Grundrechte und Repressionen, auch in der DDR. Grundsätzlich ging jeder, der sich engagierte ein persönliches Risiko ein, aber für Frauen, die Kinder hatten, war es besonders hoch. Viele dieser Frauengruppen waren im Kontext der Friedensbewegung in den 80er Jahren entstanden und sie spielten eine wichtige Rolle in der Friedlichen Revolution. Die Frauen protestierten nicht nur gegen die Diktatur, sondern kritisierten auch die Geschlechterverhältnisse in der DDR. Sie wollten die Demokratisierung des Landes vorantreiben und mit tatsächlicher Gleichberechtigung verbinden. Die Frauen fürchteten zu Recht nach Öffnung der Mauer, dass sie ihre wenigen Errungenschaften, wie die umfassende Kinderbetreuung oder das liberale Abreibungsrecht, wieder verlieren würden. „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ war einer der Slogans damals. Um an den Runden Tischen und den ersten freien Wahlen im März 1990 teilnehmen zu können, schlossen sich zahlreiche, ganz unterschiedliche Initiativen und Gruppen zum Unabhängigen Frauenverband zusammen.

Die Ereignisse überschlugen sich. Die Einheit kam schneller als gedacht. Der Zusammenbruch der maroden Wirtschaft kostete enorm vielen Menschen den Arbeitsplatz. Oft waren es die Frauen, die ihre Familien finanziell über Wasser hielten. Die allermeisten Frauen waren in der DDR voll erwerbstätig gewesen, wollten und mussten es auch bleiben. Sie kämpften um die Anerkennung ihrer Abschlüsse und fingen nicht selten in der Mitte ihres Lebens beruflich nochmal ganz neu an. Frauen hatten schon immer viel zu schultern gehabt, waren flexibel, pragmatisch und sturmerprobt. In den Umbruchsjahren sorgten sie für Stabilität. Die in dieser Zeit heranwachsenden Töchter sahen ihre Chancen, lernten fleißig, studierten schnell und gingen schließlich dahin, wo sie die besten Möglichkeiten sahen. Endlich war die Welt war groß und so vieles schien möglich. „Hilfe, die Frauen fliehen“ titelte 2002 dann Der Spiegel. Was das mit der Demografie mancher Orte gemacht hat und heute für Sozialstruktur sowie politisches Klima bedeutet, ist spätestens seit den letzten Landtagswahlen von allgemeinem Interesse.

Ohne Frauen ist eben kein Staat zu machen und für Regionen sieht es auch trübe aus.

Urheber: Hartmut Kelm
19. November 1989, Frankfurt (Oder)
Lizenztyp CC BY-NC-ND 3.0 DE

*aus dem Gründungsmanifest Unabhängiger Frauenverband, Dez 1989

Robert-Havemann-Gesellschaft: Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht! Frauenwiderstand in der DDR der 1980er Jahre https://www.havemann-gesellschaft.de/ausstellungen/frauenwiderstand-in-der-ddr-der-1980er-jahre/

Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF), interaktives Fachportal zur Geschichte der Frauenbewegungen in Deutschland https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/start

Katja Salomo: Abwanderung, Alterung, Frauenschwund. Die verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft: https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/abwanderung-und-alterung-gefahr-fuer-die-demokratie

 

„Warum blieben alle hinter ihren Gardinen stehen, anstatt runterzurennen und zu helfen?“*

Der Satz hakt sich fest im Kopf. Wäre das heute anders oder sind im Grunde nur die Gardinen aus den Fenstern verschwunden? Theoretisch haben wir aus der Geschichte gelernt. Theoretisch.

Wenn etwas passiert, passiert entweder gar nichts oder es hagelt moralische Appelle. Manchmal gibt es Solidaritätsbekundungen. Sie sind wichtig und haben ihre Funktion, aber kosten den einzelnen fast nichts. Die unangenehme Frage bleibt: Wie hätte ich reagiert? Weggeguckt, rausgehalten? Sich am Rande zu halten, ist ein starker Impuls. Geht mich nichts an. Ausrichten kann ich nichts. Tatsächlich nichts?

Über eigene Werte redet es sich viel leichter, als sie handelnd zu leben. Verantwortung auch für andere zu übernehmen, ist schwieriger als sie, an wen auch immer, zurück zu delegieren. Wer sich heraushält, geht kein Risiko ein. Überzeugungen hin oder her.

Zivilcourage bedeutet einzuschreiten, wenn zentrale Werte und Normen offen verletzt werden, auch wenn uns Nachteile drohen. Bürgermut eben. Das klingt gut. Man müsse mal „ein deutliches Zeichen setzen“ und etwas tun, sagen viele. Aber wenn es darauf ankommt, sehen sie das naheliegende nicht. Über gesellschaftliche Missstände wird dafür weiter viel geredet. Analysen von der Seitenlinie. Oft verharren Diskussionen im man. Da fehlt zum Bürgermut nicht nur der Mut, sondern auch der Bürger.

Wenn mehr Leute ich, statt man sagen, ist das schon mal ein Anfang. Und wenn mehr Leute aufmerksamer ihr Umfeld scannen, hinhören und hinsehen, ist das der nächste Schritt. Wer also zukünftig nicht mehr mit lacht, wenn der Chef sexistische Witze reißt, hat immerhin das Thema verstanden und den Anfang geschafft. Nur Mut – Zivilcourage kann man lernen und einüben.

*Rahel Renate Mann, Der Spiegel Geschichte, Jüdisches Leben in Deutschland, 4/2019

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Wissen wir noch, wo Norden ist…?

Es wird viel geredet über die Krise der Demokratie. Gleichzeitig halten die meisten Menschen bei uns sie für die beste Staatsform. Ein selbstbestimmtes Leben mit allen Grundrechten ist natürlich selbstverständlich. Selbstverständlich? Nach zwei Diktaturen in Deutschland? Selbstverständlich, wenn an vielen Orten der Welt derzeit um jedes Stückchen Freiheit hart gekämpft wird? Schließlich gibt es auch bei uns beunruhigende Entwicklungen. Selbstbewusste und engagierte Demokraten scheinen in der Minderheit. Menschen wollen „Führung“ hört man nicht selten. Das Gefühl, dass man selbst nichts ausrichten kann, ist weit verbreitet. Außerdem sind die Undemokratischen immer andere.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Kleines Gedankenexperiment. Denken wir kurz an Indien und China. Sehen wir spontan den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Länder? Schauen wir auf Israel. Sehen wir, was das Land von anderen Staaten im Nahen Osten ganz wesentlich unterscheidet? Interessant ist auch der Blick zurück auf die DDR. War das Land damals einfach das „andere“ Deutschland, dessen Regime mehr oder weniger von allein zusammenbrach? Was wissen wir schließlich von Politik und Gesellschaft der Länder, in denen wir so gern Urlaub machen? Interessiert es uns oder herrscht nicht oftmals blinde Teilnahmslosigkeit. Die kann man notfalls gut als „Toleranz“ tarnen, denn nichts ist sowieso schlimmer als in den Verdacht westlicher Arroganz zu geraten. Dabei sind wir es gerade dann, wenn wir glauben andere wollen nicht auch in Freiheit leben, schlechte Regierungen abwählen, ihre Meinung öffentlich äußern. Im Raushalten sind wir gut – hier wie da jahrzehntelang geübt. Da kann einem mit der Zeit schon der Kompass abhandenkommen. Und ist nicht auch bei uns einiges im Argen? Etablierte Parteien sind ordentlich ins straucheln geraten, Ressourcen sehr ungleich verteilt und damit auch die Partizipationsmöglichkeiten. Große Bauprojekte werden anderswo in Rekordgeschwindigkeit realisiert, was bei uns nie zu gelingen scheint. Das nagt am Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Selbstzweifel und Orientierungslosigkeit machen sich breit.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Wäre es nicht auch mal schön, wenn jemand hin und wieder „durchregieren“ und uns die größten Probleme vom Hals schaffen würde? Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft? Wunderbar! Aber da hilft nur Ärmel hochkrempeln und im eigenen Umfeld loslegen. Gesellschaft ist so gut oder schlecht, wie wir sie uns gestalten. Demokratie bedeutet Arbeit und braucht Geduld. Sie lebt vom Mitmachen. Das erfordert Zeit, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Die Beweglichkeit demokratischer Systeme müssen wir genauso aushalten, wie die ständige Konfrontation mit äußerst unterschiedlichen Weltsichten und extremen Meinungen. Anstrengend! Aber den wohlmeinenden Diktator gibt es nicht und Autokraten gehen nie freiwillig.

Eine klare Haltung bedeutet nicht, anderen das eigene Modell aufdrücken zu wollen, ganze Nationen zu dämonisieren oder mental wieder in Denkschablonen des Kalten Krieges zu verfallen. Klare Haltung heißt zu wissen, wo Norden ist. Das entsprechende Handeln folgt dann (fast) von allein…

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Die Mauer fiel und wir waren so frei…

Geburtsort Berlin. Kindheit in Ostberlin. 15 Jahre alt als das SED-Regime gestürzt wurde und die Mauer geöffnet. Der Umbruch ging schnell, die Stadt wuchs rasch zusammen. Bald wusste man nicht mehr so genau, wo die Grenze gewesen war. Es wurde hier gewohnt und dort gearbeitet. Bei den Älteren hielt sich die Mauer in den Köpfen wohl länger, aber für uns war Geschichte rasch Geschichte. Die 90er Jahre wurden prägende Zeit. Als sie vorbei waren, kehrte ich Berlin den Rücken. Vergangenes wurde mit Neuem zugeschüttet und räumliche Distanz tat ihr Übriges.

„Von einem bestimmten Zeitpunkt an, der nachträglich nicht mehr zu benennen ist, beginnt man, sich selbst historisch zu sehen; was heißt: eingebettet in, gebunden an seine Zeit“ – schrieb Christa Wolf.* Erinnerungsspuren nachzulaufen, wird interessant. Jahrestage wirken wie kleine Anstupser. Vor dreißig Jahren fiel die Mauer. Dreißig Jahre?! Schon? Erst? Wie war es und was bleibt?

Erinnerungen sind subjektiv. Auch wie DDR-Geschichte im Leben einzelner nachwirkt, ist sehr verschieden. Die Frage, wie es so war, ist dennoch einfach zu beantworten. Der Staat nannte sich demokratisch, aber war eine Diktatur mit ausgeklügeltem Herrschafts- und Unterdrückungsapparat. „Wahlen“ gab es regelmäßig, aber sie waren eine sinnentleerte Pflichtübung. Jede Form von Opposition wurde verfolgt und unterdrückt. Staatliche Willkür wirkte einschüchternd und lähmend auf die allermeisten. Der Rückzug ins Private war für viele die einzig mögliche Überwinterungsstrategie. Wer unauffällig lebte und sich an die Regeln hielt, wurde wenig behelligt. Allerdings waren gesellschaftliche Normen sehr eng ausgelegt und individuelle Freiheit beschnitten. Kollektivierung, anstatt freier Selbstentfaltung, war ein wesentliches Herrschaftsprinzip. Die Berufs- und Studienwahl war eingeschränkt und es gab keine offenen Debatten oder freie Meinungsäußerung. Wer sich als Christ „outete“, musste mit Ausgrenzung und Diskriminierung rechnen. Die Medien waren nicht unabhängig und es gab auch keine Rechtstaatlichkeit. Staatlicher Indoktrination konnte man sich nicht entziehen, denn sie begann schon im Kindergarten. Schulen spielten eine zentrale Rolle in der Erziehung zum loyalen DDR-Menschen. Jeder war Mitglied in mindestens einer staatlichen Zwangsorganisation. Fahnenappelle und Aufmärsche gehörten zum Alltag. Die Gesellschaft war militarisiert, Wehrunterricht Pflicht für alle in der 9. und 10. Klasse. Groteskerweise war die Friedenstaube zentrales Symbol der DDR. Menschen aus sozialistischen „Bruderstaaten“ kamen zum Studieren und Arbeiten, aber lebten separiert und für die Mehrheit unsichtbar. Lebenswelt war homogen und Gesellschaft zweigeteilt. Viele lebten in stiller Opposition, andere waren „glaubensfest“ und dem SED-Regime treu ergeben. Vorsichtig waren alle, denn viele wurden überwacht. Leben teilte sich für uns und die meisten in ein „Innen“ und ein „Außen“. Bücher und Zeitschriften wurden geschmuggelt. Sie waren neben Radio und Fernsehen Fenster zur Welt. Korruption durchzog den Alltag, aber wurde nicht so genannt und wahrgenommen. Kirchen sind erfolgreich an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden, aber konnten sich als Gegenspieler des SED-Regimes behaupten. In dem ansonsten durchideologisierten Staat boten sie kulturelle Rückzugsräume und Orte für Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Ein paar Kirchen wurden zu den Zentren der Protest- und Demokratiebewegung. Mitglieder hatten sie in den achtziger Jahren nicht mehr viele. Kirchenzugehörigkeit bedeutete oft primär bewusstes Festhalten an kulturellen Wurzeln und Opposition.

Die Mauer fiel und dann? Große Freude! Durchatmen! Wir waren so frei…

Bisherige Autoritäten waren plötzlich keine mehr oder sie waren zunächst ziemlich orientierungslos, so wie unsere Lehrer. Der Schulalltag ging weiter, aber vieles war offen. Wer konnte, diskutierte sofort mit. Für einen kurzen Moment schien vieles möglich. Der Samstag wurde endlich schulfrei. Die Gefahr wegen einer schlechten Note in Russisch oder aus politischen Gründen geext zu werden, war nunmehr Null. Geschichte und Staatsbürgerkunde wurden im Februar 1990 nicht mehr bewertet. Im Abschlusszeugnis der 9. Klasse vom Juli 1990 waren die Fächer Einführung in die sozialistische Produktion und Staatsbürgerkunde durchgestrichen. An Gesellschaftskunde wurde „teilgenommen“. Geschichte hieß dann interessanterweise „Politische Weltkunde“, aber Wissen über Länder, Gesellschaften, Geschichte und Politik war allseits ziemlich begrenzt. Russischlehrer mussten umlernen, weil kaum jemand noch Russisch lernen wollte. Die Schülerschaft wurde bunter. Unsere Eltern waren schwer beschäftigt, mussten vieles neu lernen und vor allem, um ihre oder um neue Jobs kämpfen. Gesellschaftliche Polarisierung und Ungleichheit nahmen sichtbar zu. „Wendehals“ war das meistgenutzte Schimpfwort damals.

Auf die Frage „Was bleibt?“ wird jeder anders antworten. Für mich wurde Freiheit das Thema im Leben. Ich bin froh über Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Als Eingriffe in meine Autonomie wahrgenommene „Encounter“ mit Autoritäten können in mir schneller Stress und unangenehme Ohnmachtsgefühle auslösen. Ideologisiertes Denken in Schwarz-Weiß-Schablonen wird mir zeitlebens ein Gräuel sein. Größere Gruppenveranstaltungen sind mir eher suspekt, denn sie können rasch vereinnahmend und beklemmend wirken. Ich fühle Empathie mit Menschen, die Teile ihrer Identität verbergen müssen, weil sie sonst Anfeindungen oder Nachteile zu befürchten haben. Mit Menschen, die auch Unfreiheit erlebt haben, fühle ich mich rasch verbunden. Die Vielfalt menschlichen Lebens ist einfach wunderbar. Welt ist komplex, bunt und „Wahrheiten“ gibt es mehrere. Es lebe die Freiheit von Repression sowie Bevormundung und für eigene Lebenswege 🙂

*Christa Wolf: „Ein Tag im Jahr“ (2005)

Urheber: Jürgen Lottenburger
Januar 1990, Berlin, Brandenburger Tor
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/de/

Ich, ich, ich! – Wer bin ich?

Identität ist ein schillerndes Wort und hat schon seit einer Weile Konjunktur. Individuelle Selbstentfaltung und -verwirklichung sowie die eigenen Interessen sind uns allen ziemlich wichtig. Gleichzeitig ist das Denken in Gruppen tief ins uns eingesickert. Wer sich eindeutigen gesellschaftlichen Gruppenkategorien verweigert, wird misstrauisch beäugt und zumeist behände von anderen zugeordnet sowie mit den „passenden“ Zuschreibungen versehen – „Vereindeutigung durch Kästchenbildung“, fasst Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, das ganze gut zusammen. Die Kästchenlogik wirkt wie ein gesellschaftlicher Spaltpilz.

Ich, ich, ich, aber wer bin ich?

Der Markt der Möglichkeiten ist groß und Angebote gibt es zahlreiche. Was uns ausmacht und wie wir leben, ist offensichtlich immer nur eine Option unter vielen anderen. Frühere Autoritäten dienen kaum mehr der Orientierung. Die Zeiten, in denen Gesellschaft relativ homogen und individuelle Verortung fix war, sind vorbei. Manche haben nostalgische Erinnerungen, aber Homogenität hatte für alle einen Preis und für manche einen sehr hohen. Homogenität ist eben nur mit Repression, Anpassung und Gewalt durchzusetzen. Nach der Zeit der Diktatur(en) kam endlich die Freiheit und die Freiheit hatte die Vielfalt im Gepäck. Individualisierung nahm zu. Migration steuerte ihren Teil zur Diversität bei. Gesellschaft ist aber nicht nur vielfältiger geworden, sondern hat sich laut Isolde Charim, Philosophin, pluralisiert. Das bedeutet, dass es nicht mehr nur ein kulturelles Koordinatensystem gibt, sondern offensichtlich mehrere, die nebeneinander stehen. Verschiedenheiten gab es in Gesellschaft auch früher schon, aber im Unterschied zu heute waren sie zweitrangig. Zugewandert oder Alteingesessen, Angehöriger von Minderheit oder Mehrheit, Mann oder Frau – wo jeder Einzelne in Gesellschaft verortet war und wie er dazugehörte, war unmittelbar gesetzt, unhinterfragt und selbstverständlich. Heute hingegen gibt es keine Institutionen und Strukturen mehr, die wie in der Vergangenheit über Macht und Einfluss verfügten, Menschen ihren Platz in der Gesellschaft vorzuschreiben. Eine gesellschaftliche Sitzordnung gibt es zwar nach wie vor, aber sie wird hinterfragt, bekämpft, verteidigt. Das bedeutet mehr Stress und Konflikte.

Ich, ich, ich, aber wer bin ich? „Da ist immer ein Zweifeln, eine rastlose Suche nach sich selbst“, sagt Stephan Grünewald, Psychologe und Autor von „Köln auf der Couch“ und „Wie tickt Deutschland?“. Wir schauen weiter und müssen uns (und anderen) immer wieder versichern, wer wir sind und wo unser Platz ist. Das strengt an. Nicht wenige ziehen sich ganz oder zeitweise zurück in ihren Kokon, ihre einigermaßen homogenen Blase. Aber wer sich dauerhaft nur um sich selbst dreht, dessen Leben fühlt sich lau an. Sinnvolles Tun ist ohne einem „Aus-sich-hinausgreifen“ nicht möglich. Freiheit und Vielfalt scheinen für manche schwer aushaltbar zu sein. Ziemlich „Lost in Space“ suchen sie möglichst eindeutige Festlegung für sich selbst und ein Geländer für den eigenen Lebensweg. Andere genießen und nutzen ihre Freiheit. Wer sich aufrafft – der Platz im Kokon wird schon nicht gleich wieder besetzt sein – und in Gesellschaft unterwegs ist, stellt schnell fest, dass jenseits der üblichen Kästchen Menschen mit gemeinsamen Interessen sitzen. Der Horizont weitet sich und das fühlt sich gut an. Wer dann noch seinem Leben mehr Sinn geben möchte – Themen an denen wir Verschiedene gemeinsam arbeiten können, gibt es genug 😉 und der Spaltpilz verliert an Boden…

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, 2018
Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert, 2018

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