„Warum blieben alle hinter ihren Gardinen stehen, anstatt runterzurennen und zu helfen?“*

Der Satz hakt sich fest im Kopf. Wäre das heute anders oder sind im Grunde nur die Gardinen aus den Fenstern verschwunden? Theoretisch haben wir aus der Geschichte gelernt. Theoretisch.

Wenn etwas passiert, passiert entweder gar nichts oder es hagelt moralische Appelle. Manchmal gibt es Solidaritätsbekundungen. Sie sind wichtig und haben ihre Funktion, aber kosten den einzelnen fast nichts. Die unangenehme Frage bleibt: Wie hätte ich reagiert? Weggeguckt, rausgehalten? Sich am Rande zu halten, ist ein starker Impuls. Geht mich nichts an. Ausrichten kann ich nichts. Tatsächlich nichts?

Über eigene Werte redet es sich viel leichter, als sie handelnd zu leben. Verantwortung auch für andere zu übernehmen, ist schwieriger als sie, an wen auch immer, zurück zu delegieren. Wer sich heraushält, geht kein Risiko ein. Überzeugungen hin oder her.

Zivilcourage bedeutet einzuschreiten, wenn zentrale Werte und Normen offen verletzt werden, auch wenn uns Nachteile drohen. Bürgermut eben. Das klingt gut. Man müsse mal „ein deutliches Zeichen setzen“ und etwas tun, sagen viele. Aber wenn es darauf ankommt, sehen sie das naheliegende nicht. Über gesellschaftliche Missstände wird dafür weiter viel geredet. Analysen von der Seitenlinie. Oft verharren Diskussionen im man. Da fehlt zum Bürgermut nicht nur der Mut, sondern auch der Bürger.

Wenn mehr Leute ich, statt man sagen, ist das schon mal ein Anfang. Und wenn mehr Leute aufmerksamer ihr Umfeld scannen, hinhören und hinsehen, ist das der nächste Schritt. Wer also zukünftig nicht mehr mit lacht, wenn der Chef sexistische Witze reißt, hat immerhin das Thema verstanden und den Anfang geschafft. Nur Mut – Zivilcourage kann man lernen und einüben.

*Rahel Renate Mann, Der Spiegel Geschichte, Jüdisches Leben in Deutschland, 4/2019

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Wissen wir noch, wo Norden ist…?

Es wird viel geredet über die Krise der Demokratie. Gleichzeitig halten die meisten Menschen bei uns sie für die beste Staatsform. Ein selbstbestimmtes Leben mit allen Grundrechten ist natürlich selbstverständlich. Selbstverständlich? Nach zwei Diktaturen in Deutschland? Selbstverständlich, wenn an vielen Orten der Welt derzeit um jedes Stückchen Freiheit hart gekämpft wird? Schließlich gibt es auch bei uns beunruhigende Entwicklungen. Selbstbewusste und engagierte Demokraten scheinen in der Minderheit. Menschen wollen „Führung“ hört man nicht selten. Das Gefühl, dass man selbst nichts ausrichten kann, ist weit verbreitet. Außerdem sind die Undemokratischen immer andere.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Kleines Gedankenexperiment. Denken wir kurz an Indien und China. Sehen wir spontan den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Länder? Schauen wir auf Israel. Sehen wir, was das Land von anderen Staaten im Nahen Osten ganz wesentlich unterscheidet? Interessant ist auch der Blick zurück auf die DDR. War das Land damals einfach das „andere“ Deutschland, dessen Regime mehr oder weniger von allein zusammenbrach? Was wissen wir schließlich von Politik und Gesellschaft der Länder, in denen wir so gern Urlaub machen? Interessiert es uns oder herrscht nicht oftmals blinde Teilnahmslosigkeit. Die kann man notfalls gut als „Toleranz“ tarnen, denn nichts ist sowieso schlimmer als in den Verdacht westlicher Arroganz zu geraten. Dabei sind wir es gerade dann, wenn wir glauben andere wollen nicht auch in Freiheit leben, schlechte Regierungen abwählen, ihre Meinung öffentlich äußern. Im Raushalten sind wir gut – hier wie da jahrzehntelang geübt. Da kann einem mit der Zeit schon der Kompass abhandenkommen. Und ist nicht auch bei uns einiges im Argen? Etablierte Parteien sind ordentlich ins straucheln geraten, Ressourcen sehr ungleich verteilt und damit auch die Partizipationsmöglichkeiten. Große Bauprojekte werden anderswo in Rekordgeschwindigkeit realisiert, was bei uns nie zu gelingen scheint. Das nagt am Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Selbstzweifel und Orientierungslosigkeit machen sich breit.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Wäre es nicht auch mal schön, wenn jemand hin und wieder „durchregieren“ und uns die größten Probleme vom Hals schaffen würde? Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft? Wunderbar! Aber da hilft nur Ärmel hochkrempeln und im eigenen Umfeld loslegen. Gesellschaft ist so gut oder schlecht, wie wir sie uns gestalten. Demokratie bedeutet Arbeit und braucht Geduld. Sie lebt vom Mitmachen. Das erfordert Zeit, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Die Beweglichkeit demokratischer Systeme müssen wir genauso aushalten, wie die ständige Konfrontation mit äußerst unterschiedlichen Weltsichten und extremen Meinungen. Anstrengend! Aber den wohlmeinenden Diktator gibt es nicht und Autokraten gehen nie freiwillig.

Eine klare Haltung bedeutet nicht, anderen das eigene Modell aufdrücken zu wollen, ganze Nationen zu dämonisieren oder mental wieder in Denkschablonen des Kalten Krieges zu verfallen. Klare Haltung heißt zu wissen, wo Norden ist. Das entsprechende Handeln folgt dann (fast) von allein…

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Die Mauer fiel und wir waren so frei…

Geburtsort Berlin. Kindheit in Ostberlin. 15 Jahre alt als das SED-Regime gestürzt wurde und die Mauer geöffnet. Der Umbruch ging schnell, die Stadt wuchs rasch zusammen. Bald wusste man nicht mehr so genau, wo die Grenze gewesen war. Es wurde hier gewohnt und dort gearbeitet. Bei den Älteren hielt sich die Mauer in den Köpfen wohl länger, aber für uns war Geschichte rasch Geschichte. Die 90er Jahre wurden prägende Zeit. Als sie vorbei waren, kehrte ich Berlin den Rücken. Vergangenes wurde mit Neuem zugeschüttet und räumliche Distanz tat ihr Übriges.

„Von einem bestimmten Zeitpunkt an, der nachträglich nicht mehr zu benennen ist, beginnt man, sich selbst historisch zu sehen; was heißt: eingebettet in, gebunden an seine Zeit“ – schrieb Christa Wolf.* Erinnerungsspuren nachzulaufen, wird interessant. Jahrestage wirken wie kleine Anstupser. Vor dreißig Jahren fiel die Mauer. Dreißig Jahre?! Schon? Erst? Wie war es und was bleibt?

Erinnerungen sind subjektiv. Auch wie DDR-Geschichte im Leben einzelner nachwirkt, ist sehr verschieden. Die Frage, wie es so war, ist dennoch einfach zu beantworten. Der Staat nannte sich demokratisch, aber war eine Diktatur mit ausgeklügeltem Herrschafts- und Unterdrückungsapparat. „Wahlen“ gab es regelmäßig, aber sie waren eine sinnentleerte Pflichtübung. Jede Form von Opposition wurde verfolgt und unterdrückt. Staatliche Willkür wirkte einschüchternd und lähmend auf die allermeisten. Der Rückzug ins Private war für viele die einzig mögliche Überwinterungsstrategie. Wer unauffällig lebte und sich an die Regeln hielt, wurde wenig behelligt. Allerdings waren gesellschaftliche Normen sehr eng ausgelegt und individuelle Freiheit beschnitten. Kollektivierung, anstatt freier Selbstentfaltung, war ein wesentliches Herrschaftsprinzip. Die Berufs- und Studienwahl war eingeschränkt und es gab keine offenen Debatten oder freie Meinungsäußerung. Wer sich als Christ „outete“, musste mit Ausgrenzung und Diskriminierung rechnen. Die Medien waren nicht unabhängig und es gab auch keine Rechtstaatlichkeit. Staatlicher Indoktrination konnte man sich nicht entziehen, denn sie begann schon im Kindergarten. Schulen spielten eine zentrale Rolle in der Erziehung zum loyalen DDR-Menschen. Jeder war Mitglied in mindestens einer staatlichen Zwangsorganisation. Fahnenappelle und Aufmärsche gehörten zum Alltag. Die Gesellschaft war militarisiert, Wehrunterricht Pflicht für alle in der 9. und 10. Klasse. Groteskerweise war die Friedenstaube zentrales Symbol der DDR. Menschen aus sozialistischen „Bruderstaaten“ kamen zum Studieren und Arbeiten, aber lebten separiert und für die Mehrheit unsichtbar. Lebenswelt war homogen und Gesellschaft zweigeteilt. Viele lebten in stiller Opposition, andere waren „glaubensfest“ und dem SED-Regime treu ergeben. Vorsichtig waren alle, denn viele wurden überwacht. Leben teilte sich für uns und die meisten in ein „Innen“ und ein „Außen“. Bücher und Zeitschriften wurden geschmuggelt. Sie waren neben Radio und Fernsehen Fenster zur Welt. Korruption durchzog den Alltag, aber wurde nicht so genannt und wahrgenommen. Kirchen sind erfolgreich an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden, aber konnten sich als Gegenspieler des SED-Regimes behaupten. In dem ansonsten durchideologisierten Staat boten sie kulturelle Rückzugsräume und Orte für Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Ein paar Kirchen wurden zu den Zentren der Protest- und Demokratiebewegung. Mitglieder hatten sie in den achtziger Jahren nicht mehr viele. Kirchenzugehörigkeit bedeutete oft primär bewusstes Festhalten an kulturellen Wurzeln und Opposition.

Die Mauer fiel und dann? Große Freude! Durchatmen! Wir waren so frei…

Bisherige Autoritäten waren plötzlich keine mehr oder sie waren zunächst ziemlich orientierungslos, so wie unsere Lehrer. Der Schulalltag ging weiter, aber vieles war offen. Wer konnte, diskutierte sofort mit. Für einen kurzen Moment schien vieles möglich. Der Samstag wurde endlich schulfrei. Die Gefahr wegen einer schlechten Note in Russisch oder aus politischen Gründen geext zu werden, war nunmehr Null. Geschichte und Staatsbürgerkunde wurden im Februar 1990 nicht mehr bewertet. Im Abschlusszeugnis der 9. Klasse vom Juli 1990 waren die Fächer Einführung in die sozialistische Produktion und Staatsbürgerkunde durchgestrichen. An Gesellschaftskunde wurde „teilgenommen“. Geschichte hieß dann interessanterweise „Politische Weltkunde“, aber Wissen über Länder, Gesellschaften, Geschichte und Politik war allseits ziemlich begrenzt. Russischlehrer mussten umlernen, weil kaum jemand noch Russisch lernen wollte. Die Schülerschaft wurde bunter. Unsere Eltern waren schwer beschäftigt, mussten vieles neu lernen und vor allem, um ihre oder um neue Jobs kämpfen. Gesellschaftliche Polarisierung und Ungleichheit nahmen sichtbar zu. „Wendehals“ war das meistgenutzte Schimpfwort damals.

Auf die Frage „Was bleibt?“ wird jeder anders antworten. Für mich wurde Freiheit das Thema im Leben. Ich bin froh über Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Als Eingriffe in meine Autonomie wahrgenommene „Encounter“ mit Autoritäten können in mir schneller Stress und unangenehme Ohnmachtsgefühle auslösen. Ideologisiertes Denken in Schwarz-Weiß-Schablonen wird mir zeitlebens ein Gräuel sein. Größere Gruppenveranstaltungen sind mir eher suspekt, denn sie können rasch vereinnahmend und beklemmend wirken. Ich fühle Empathie mit Menschen, die Teile ihrer Identität verbergen müssen, weil sie sonst Anfeindungen oder Nachteile zu befürchten haben. Mit Menschen, die auch Unfreiheit erlebt haben, fühle ich mich rasch verbunden. Die Vielfalt menschlichen Lebens ist einfach wunderbar. Welt ist komplex, bunt und „Wahrheiten“ gibt es mehrere. Es lebe die Freiheit von Repression sowie Bevormundung und für eigene Lebenswege 🙂

*Christa Wolf: „Ein Tag im Jahr“ (2005)

Urheber: Jürgen Lottenburger
Januar 1990, Berlin, Brandenburger Tor
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/de/

Ich, ich, ich! – Wer bin ich?

Identität ist ein schillerndes Wort und hat schon seit einer Weile Konjunktur. Individuelle Selbstentfaltung und -verwirklichung sowie die eigenen Interessen sind uns allen ziemlich wichtig. Gleichzeitig ist das Denken in Gruppen tief ins uns eingesickert. Wer sich eindeutigen gesellschaftlichen Gruppenkategorien verweigert, wird misstrauisch beäugt und zumeist behände von anderen zugeordnet sowie mit den „passenden“ Zuschreibungen versehen – „Vereindeutigung durch Kästchenbildung“, fasst Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, das ganze gut zusammen. Die Kästchenlogik wirkt wie ein gesellschaftlicher Spaltpilz.

Ich, ich, ich, aber wer bin ich?

Der Markt der Möglichkeiten ist groß und Angebote gibt es zahlreiche. Was uns ausmacht und wie wir leben, ist offensichtlich immer nur eine Option unter vielen anderen. Frühere Autoritäten dienen kaum mehr der Orientierung. Die Zeiten, in denen Gesellschaft relativ homogen und individuelle Verortung fix war, sind vorbei. Manche haben nostalgische Erinnerungen, aber Homogenität hatte für alle einen Preis und für manche einen sehr hohen. Homogenität ist eben nur mit Repression, Anpassung und Gewalt durchzusetzen. Nach der Zeit der Diktatur(en) kam endlich die Freiheit und die Freiheit hatte die Vielfalt im Gepäck. Individualisierung nahm zu. Migration steuerte ihren Teil zur Diversität bei. Gesellschaft ist aber nicht nur vielfältiger geworden, sondern hat sich laut Isolde Charim, Philosophin, pluralisiert. Das bedeutet, dass es nicht mehr nur ein kulturelles Koordinatensystem gibt, sondern offensichtlich mehrere, die nebeneinander stehen. Verschiedenheiten gab es in Gesellschaft auch früher schon, aber im Unterschied zu heute waren sie zweitrangig. Zugewandert oder Alteingesessen, Angehöriger von Minderheit oder Mehrheit, Mann oder Frau – wo jeder Einzelne in Gesellschaft verortet war und wie er dazugehörte, war unmittelbar gesetzt, unhinterfragt und selbstverständlich. Heute hingegen gibt es keine Institutionen und Strukturen mehr, die wie in der Vergangenheit über Macht und Einfluss verfügten, Menschen ihren Platz in der Gesellschaft vorzuschreiben. Eine gesellschaftliche Sitzordnung gibt es zwar nach wie vor, aber sie wird hinterfragt, bekämpft, verteidigt. Das bedeutet mehr Stress und Konflikte.

Ich, ich, ich, aber wer bin ich? „Da ist immer ein Zweifeln, eine rastlose Suche nach sich selbst“, sagt Stephan Grünewald, Psychologe und Autor von „Köln auf der Couch“ und „Wie tickt Deutschland?“. Wir schauen weiter und müssen uns (und anderen) immer wieder versichern, wer wir sind und wo unser Platz ist. Das strengt an. Nicht wenige ziehen sich ganz oder zeitweise zurück in ihren Kokon, ihre einigermaßen homogenen Blase. Aber wer sich dauerhaft nur um sich selbst dreht, dessen Leben fühlt sich lau an. Sinnvolles Tun ist ohne einem „Aus-sich-hinausgreifen“ nicht möglich. Freiheit und Vielfalt scheinen für manche schwer aushaltbar zu sein. Ziemlich „Lost in Space“ suchen sie möglichst eindeutige Festlegung für sich selbst und ein Geländer für den eigenen Lebensweg. Andere genießen und nutzen ihre Freiheit. Wer sich aufrafft – der Platz im Kokon wird schon nicht gleich wieder besetzt sein – und in Gesellschaft unterwegs ist, stellt schnell fest, dass jenseits der üblichen Kästchen Menschen mit gemeinsamen Interessen sitzen. Der Horizont weitet sich und das fühlt sich gut an. Wer dann noch seinem Leben mehr Sinn geben möchte – Themen an denen wir Verschiedene gemeinsam arbeiten können, gibt es genug 😉 und der Spaltpilz verliert an Boden…

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, 2018
Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert, 2018

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Wer spricht?

…gute Frage, am besten jeder über sich. Allzu oft sprechen jedoch Mehrheitsgesellschaften über Minderheiten, reproduzieren Stereotypen und Vorurteile. Minderheiten werden zu homogenen Gruppen und den „Anderen“ gemacht, dienen verschiedensten Projektionen und das oft um sich kollektiv aufzuwerten. Sieht man sich selbst gern als fleißig, gebildet und zivilisiert, so müssen andere eben das Gegenteil sein. Für den Part der Anderen müssen dann Menschen herhalten, die als Gruppen zu identifizieren sind. Generisches Prinzip und als solches variantenreich verbreitet. So gibt also einige dieser monotonen Fremdbilder. Manche sind neueren Datums, andere sind richtiggehend eingebacken in europäische Kultur. Letzteres betrifft beispielsweise die Roma. Sie sind die größte Minderheit in Europa und eine enorm heterogene. Seit über 600 Jahren leben sie hier. Trotzdem wissen viele wenig über Geschichte(n) und Kultur(en). Umso tiefer wurzeln dafür Zuschreibungen und Vorurteile, denn Mehrheitsgesellschaften begegneten ihnen von Anfang an meist misstrauisch, feindlich oder gleichgültig. Oft wurden Roma kriminalisiert und vertrieben. Die Verfolgung gipfelte schließlich in den Völkermord während der NS-Zeit, der in Deutschland erst 1982 offiziell anerkannt wurde. Als Europäer und Minderheit stehen sie quer zum Denkraster von Nationalisten. So wurden Staatenzerfall und politischen Umbrüche in Ost- und Südeuropa nach Ende des Kalten Kriege wieder zur existentiellen Bedrohung. Wer konnte, verließ die Heimat. Ist das Überleben gesichert, bleibt aber doch Rassismus Alltag.

Zurück zur Ausgangsfrage. Meist sprechen Nicht-Roma über Roma. Das muss sich ändern, damit Menschen Deutungshoheit über das Eigene wieder erlangen. „Es ist unsere Kultur“, sagen Roma und Sinti jetzt und setzen ihre eigenen Geschichten gegen die, die bisher andere über sie erzählten. Damit sie besser wahrgenommen werden, ist mit dem RomArchive ist ein Ort für das kulturelle Erbe entstanden, der wie ein lebendiges und virtuelles Museum funktioniert. Kunst und Kultur sind für jedermann zugänglich und sichtbar. In kuragierten Archivbereichen werden Beiträge zu Literatur, Musik oder Tanz gesammelt. Hinzu kommt eine Darstellung der Bürgerrechtsbewegung sowie die Sektion „Voices of Victims“. In dieser ist eine Auswahl von Selbstzeugnissen, wie Briefen und Petitionen, von Roma aus der NS-Zeit aufbereitet. Menschen bekommen im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stimme zurück, denn was sie gesehen, erlebt und erfahren haben, kann man sich auf Deutsch, Englisch und Romanes anhören. Ihnen zu zuhören, ist das mindeste, was wir heute tun können. Gleiches gilt für die Gegenwart und das nicht nur, wenn Roma als Musiker auftreten.

Im Übrigen ist das RomArchive unter den Preisträgern des Europäischen Kulturerbepreises / Europe Nostra Awards 2019 – HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

https://www.romarchive.eu/de/

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Medien in der Mangel

Medienschelte ist verbreitet und bequem. Regelmäßig werden Medien pauschal zu Sündenböcken für gesellschaftliche Missstände gemacht. Natürlich gibt es auch Grund zur Kritik. Beispiele kennt jeder. Strukturell muss sich noch etwas tun, denn durch die „Pluralisten-Brille“ geschaut fällt auf, dass sich gesellschaftliche Vielfalt noch nicht in den Mainstream-Medien widerspiegelt.1 Bei allem was kritisch und entwicklungsbedürftig ist, gilt aber auch, dass ohne öffentliche Medien keine demokratische Gesellschaft funktioniert. „Medien in der Mangel“ weiterlesen

Shrinking Space

… bezeichnet ein Phänomen, das bereits seit ein paar Jahren zu beobachten ist. Handlungsräume für Zivilgesellschaft werden weltweit enger und schrumpfen. Dieser Trend zeigt sich nicht nur in Autokratien und er hat auch vor Europa nicht halt gemacht. Laut Atlas der Zivilgesellschaft leben nur vier Prozent der Weltbevölkerung in Staaten mit offenen Handlungsräumen für Zivilgesellschaft*. „Shrinking Space“ weiterlesen

Frauentag?!

Pune, eine Millionenstadt nicht weit von Mumbai, ist bekannt als boomender Wirtschaftsstandort und Sitz des Ashram von Osho. Es ist Anfang März. Die Tage sind lang und vollgestopft mit Gesprächen und Eindrücken. Eines Morgens ist die Stimmung im Büro aufgekratzt und noch fröhlicher als sonst. Alle – bis auf eine – erscheinen in ihren besten und farbenfrohsten Saris. Ein besonderer Tag?! Was wird gefeiert? „Frauentag?!“ weiterlesen

Liebe Fanatiker

So lautet der Titel eines der zuletzt erschienenen Essays von Amos Oz*. Amos Oz starb Ende Dezember 2018 im Alter von 79 Jahren. Er gilt als einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller und war in Deutschland besonders beliebt. In seinem Essay bezeichnete er sich selbst als „Fachmann für vergleichende Fanatismusforschung“, was man mit Blick auf seine Lebensgeschichte gut nachvollziehen kann.

Fanatismus ist kein neues Phänomen, aber hat immer dann Hochkonjunktur, wenn Zeiten als unsicher und krisenhaft erlebt werden. „Liebe Fanatiker“ weiterlesen

Rassisten sind immer die anderen

In einer demokratischen Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt alle Menschen als gleichwertig zu achteten und zu behandeln, ist Rassismus ein schwerwiegender Vorwurf. Er negiert den Grundsatz von der Gleichwertigkeit aller Menschen und stellt den Universalitätsanspruch der Menschenrechte in Frage. Selbstverständlich halten wir uns mehrheitlich für humanistisch und egalitär eingestellt. „Rassisten sind immer die anderen“ weiterlesen