Medien in der Mangel

Medienschelte ist verbreitet und bequem. Regelmäßig werden Medien pauschal zu Sündenböcken für gesellschaftliche Missstände gemacht. Natürlich gibt es auch Grund zur Kritik. Beispiele kennt jeder. Strukturell muss sich noch etwas tun, denn durch die „Pluralisten-Brille“ geschaut fällt auf, dass sich gesellschaftliche Vielfalt noch nicht in den Mainstream-Medien widerspiegelt.1 Bei allem was kritisch und entwicklungsbedürftig ist, gilt aber auch, dass ohne öffentliche Medien keine demokratische Gesellschaft funktioniert. Als sogenannte „Vierte Gewalt“ haben sie im System der Gewaltenteilung zwar keine Macht im eigentlichen Sinne, aber Einfluss durchaus. Medien schaffen Öffentlichkeit und decken Missstände auf, kontrollieren Regierende, informieren Bürger, tragen zur Meinungsbildung bei und regen Debatten an. Ohne informierte Bürgerschaft verkommt jede Demokratie zur Fassade, denn sie lebt von dem Prinzip „Ein informierter Mensch, eine Stimme“2. In Artikel 5 des Grundgesetzes ist die Freiheit von Presse, Film und Radio als spezielle Ausprägung der Meinungsfreiheit festgeschrieben. Trotzdem ist dieses Grundrecht immer wieder unter Druck. Es muss verteidigt werden, auch bei uns. Laut Reporter ohne Grenzen liegt Deutschland auf der Rangliste der Pressefreiheit im oberen Mittelfeld der EU-Staaten.3 Es geht also besser. Europa gehört laut Reporter ohne Grenzen zu den Regionen, in denen sich die Situation für Medienschaffende am stärksten verschlechtert hat. Medienfeindliche Hetze und verbale Anfeindungen haben zugenommen. Sie delegitimieren die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten und bereiten den Boden für Übergriffe. Die Zahl der tätlichen Angriffe gegen Journalistinnen und Journalisten ist in 2018 in Deutschland gestiegen. Pressefreiheit ist auch durch staatliche Übergriffe, wie Strafverfahren in Gefahr. Gegen Oliver Schröm, Chefredakteur des Recherchebüros Correctiv4, wird wegen des Verdachts der Anstiftung zum Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen ermittelt. Er und seine Kollegen haben zu Cum-Cum und Cum-Ex-Finanzgeschäften recherchiert und einen milliardenschweren Steuerbetrug in Europa aufgedeckt. Zu Recht haben viele protestierten, denn die Aufdeckung von Straftaten ist im Interesse (fast) aller. Schließlich sind wirtschaftlicher Druck und Medienkonzentration eine Gefahr für Freiheit und Vielfalt der Medien. Nachrichten gibt es kostenlos, aber guter Journalismus ist aufwendig und kostet Geld. Allein der Konsum von Nachrichtenschnipsel hilft niemandem weiter, sorgfältig recherchierte und gut geschriebene Beiträge, die Zusammenhänge aufzeigen und Erklärungsansätze bieten schon. Allerdings lebt es sich uninformiert auch und vielleicht sogar gemütlicher, zumal wenn wir komplizierte Themen meiden oder uns in unserer „Wahrheit“ gut einrichten haben. Was heute vielfach fehlt, ist ein Bewusstsein für die Bedeutung der Medien, Sensibilität mit Blick auf Gefährdungen der Medienfreiheit sowie Kompetenz im Umgang. Fazit: Pauschales Medien-Bashing bringt nichts, aber die kritische Auseinandersetzung auch mit dem eigenen Medienkonsum schon.

1„2 Prozent: Für mehr Murats in den Medien“ – Projekt „Medienvielfalt – anders“, Heinrich Böll Stiftung http://medienvielfalt.boellblog.org/ueber-das-projekt/
2Julia Cagé, Aus Politik und Zeitgeschichte, 66. Jahrgang, 30-32/2016
3Rangliste der Pressefreiheit 2019 https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2019/
4https://correctiv.org/

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