Ich bin ok. Extrem, das sind die anderen!

Gesellschaft ist gespalten, Polarisierung nimmt zu. Risse ziehen selbst durch manche Familien. Halb bewusst oder unbewusst sortieren sich Freundes- und Bekanntenkreise neu. Um des lieben Friedens willen wird nicht selten vermintes Gelände umschifft. Bloß kein Streit! Allgemeine Sehnsucht nach mehr Einigkeit. Gleichzeitig große Empfindlichkeit – schon sichtbar andere Lebensvorstellungen werden als nervig oder gar Provokation empfunden. Das was Konflikte verursacht und schürt, kommt immer von außen, kommt von anderen. Ordentlich Sprengstoff liegt in Themen, wie Flucht, Zuwanderung und Integration. Auch Religion stört schnell (Privatsache!) und ist ein zuverlässiger Garant für hitzige Debatten.

Wir beobachten gesellschaftliche Veränderungen genau, aber wir nehmen sie als Phänomene wahr, die außerhalb von uns passiert. Wir sind von Entwicklungen natürlich nicht erfasst. Sich selbst dabei reflektieren, eigenes Verhalten hinterfragen? Warum? Das Problem bin nicht ich! Ich bin ok. Extrem, das sind die anderen. Ich steh auf der richtigen Seite. Andere müssen ihre Einstellungen korrigieren und vor allem ihr Verhalten. Wie geht das zusammen? Wir alle nur Beobachter, betroffen, genervt von dem, was in und mit Gesellschaft passiert? Schnell ist dabei nämlich auch ausgemacht, wer was tun muss. Wer, das sind die [***]. Wer, das ist im Zweifel man und schließlich natürlich immer auch der Staat. Am Rande stehend, sehen wir unseren eigenen Anteil an Gesellschaft, wie sie ist und sich entwickelt, nicht. An dieser Stelle darf das ICH mal groß geschrieben werden. Denn – ICH bin Teil der Gesellschaft, Teil des Problems, kann damit auch zur Lösung beitragen und Element einer Brücke über gesellschaftliche Gräben sein oder aber weiter müde daneben stehen…

[***] bitte selbst, je nach persönlichen Standpunkt, etwas eintragen 🙂

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Wer im Glaskäfig sitzt…

… sitzt da selten freiwillig. Sprache, so sagt Kübra Gümüşay, kann man auch als einen Ort oder sehr großes Museum denken. Kuragiert haben dieses Museum die Menschen, die Standard sind, die Norm markieren. Es zeigt die Welt aus ihrer Perspektive. Wer jenseits der gesellschaftlichen Normalnull verortet, als anders, fremd oder einfach ungewohnt angesehen wird, landet in einer der Vitrinen des Museums, wird kategorisiert, mit Kollektivnamen versehen. Dort verschwindet der Einzelne, das Individuum, der Mensch. Er wird zum Vertreter „seiner“ Gruppe, auch wenn seine persönliche Selbstverortung möglicherweise anders ausfällt. Schnell sieht man in ihm einen Experten. Er hat Auskunft zu geben, muss erklären und dabei nicht das eigene Tun rechtfertigen, sondern auch das anderer Gruppenmitglieder.

Einen Exit aus diesem Frage-Antwort-Spiel gibt es nur für diejenigen, die die Chance haben sich mit „ihrer“ Kategorie unsichtbar zu machen. Wer als Teil des Mainstream angesehen wird, lebt freier, redet über selbstgewählte Themen. Muslimische Frauen, die ihren Kopf bedecken, fühlen vermutlich oft die Hitze des Scheinwerfers auf sich gerichtet. Die Fragen sind immer ähnlich. Im Mittelpunkt steht natürlich die Religion, aber oft geht es auch um Missstände (und nicht etwa Kunstszene oder Oppositionsbewegung) islamischer Ländern. Da hilft es auch nichts, in Bonn aufgewachsen zu sein. Wer Katholik oder Protestant ist, kann sich jetzt mal überlegen, wie oft er schon in die Verlegenheit kam, das Pfingstfest zu erklären. Selten? Genau. Juden werden gern zu israelischer Regierungspolitik oder dem Nahost-Konflikt befragt, auch wenn sie vielleicht nur hin und wieder in Tel Aviv Urlaub machen. Wer zufällig im Osten Deutschlands geboren wurde, ist natürlich prädestiniert den Osten, inklusive „Chemnitz“ und AfD, zu erklären. Dabei spielt es keine Rolle, wenn man seit zwei Jahrzehnten ganz woanders lebt. Natürlich meint es (fast) niemand böse. Aber es zeigt, entlang welch festem Raster unser Denken läuft, insbesondere wenn Fragen unter den Nägeln brennen.

Gesellschaftliche Kategorien und Gruppenbezeichnungen sind praktisch. Ohne Begriffscontainer geht es nicht. Im Alltag sind sie grobe Navigationshilfe, aber damit hat es sich auch schon. Menschen lassen sich eben nicht wie chemische Elemente in ein übersichtliches Raster packen. In jedem von uns steckt Vielfalt, Komplexität, manchmal Widersprüchliches. Wir alle wollen in erster Linie als Mensch und Individuum wahrgenommen werden. In Glaskäfige gedacht und gesprochen zu werden nervt.

Kübra Gümüşay (2020): Sprache und Sein

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Mit eigener Stimme*

Als Musiker mag man sie. Konzerte von Roma-Bands sind beliebt in Köln. Auch Carmen ist populär. Ihr Mythos ist zeitlos. Die Oper ist eine der erfolgreichsten überhaupt und der Stoff hat einige Filmemacher inspiriert. Beim Karneval ist Carmen dabei, ebenso wie die schöne Esmeralda (Der Glöckner von Notre Dame) oder die geheimnisvolle Wahrsagerin. So sieht das „positive“ (Fremd-)Bild einer Romni aus – exotisch-schön, verführerisch, mit unbändigem Freiheitsdrang und viel Lebenslust. Erotisierende und romantisierende Darstellungen waren jahrhundertelang beliebte Sujets in europäischer Literatur und Malerei. Nicht schlimm? Fragen wir Menschen, die betroffen sind. Mehrheitsgesellschaften sprechen über Minderheiten, kreieren Vorstellungen und Bilder. Dabei werden Minderheiten zu homogenen Gruppe gemacht mit bestimmten, unveränderlichen Eigenschaften, die sie außerhalb von Gesellschaft und Normen verorten. Die ebenso bekannten negativen Bilder sind Teil der gleichen Konstruktion.

Tatsächlich wissen wir mehrheitlich wenig. Jeder spreche über sich, daher hier nur ein paar Denkanstöße. Die Sinti und Roma gibt es nicht. Menschen, die dazu gehören, sind Angehörige ganz verschiedener regionaler, nationaler und auch sprachlicher Gruppen mit sehr unterschiedlichen individuellen Lebensentwürfen. Es gehören alteingesessene deutsche Sinti Familie dazu, aber auch Menschen, die vor den Jugoslawienkriegen flüchten mussten. Große Vielfalt, aber was verbindet? Zentral für Identität und Kultur aller Gruppen ist Romanes, die gemeinsame Sprache. Aber auch sie ist Spiegel der Vielfalt und ihr Reichtum an Dialekten groß. Was aber Menschen ungeachtet ihrer verschiedenen Lebenswege und Milieus gleichermaßen trifft, ist die ungebrochene Kontinuität von Diskriminierung. Vorurteile halten sich hartnäckig, denn sie hatten schon immer wichtige Ordnungs- und Orientierungsfunktion für Mehrheiten und dienten ihrer kollektiven Selbstvergewisserung. Wer kann, macht sich also lieber unsichtbar, lebt sein Leben. Prominente Vorbilder gibt es nur wenige.

Wen kennt, sieht und hört man? Recht bekannt ist die Schlager- und Popsängerin Marianne Rosenberg. Ihr Vater Otto Rosenberg überlebte Auschwitz und hat darüber in seiner Biografie berichtet. Prominente Sinteza ist auch Dotschy Reinhardt. Sie ist Jazzmusikerin und als Menschenrechtlerin in Berlin aktiv. Den Rapper Sido kennt sicher jeder. Besser wahrgenommen werden in Köln noch die recht bekannten Musikfestivals, denn sie sind mehrheitlich gut anschlussfähig. Ins Bild passen auch Bettler und Flaschensammler, die ungeachtet ihrer tatsächlichen Herkunft oft als Roma angesehen werden. Damit hat es schon fast, denn wer weiß schließlich, dass sein Kreditberater bei der Sparkasse einer Sinti Familie entstammt oder, dass der vom Balkan eingewanderte Kollege Rom ist? Aber Zeiten beginnen sich zu ändern. Junge Aktivistinnen betreten die gesellschaftliche Bühne, streiten selbstbewusst für gleiche Chancen und dekonstruieren tradierte Vorurteile. Roma werden als vielfältige Künstler sichtbarer, nicht nur in der Musik, sondern auch in Literatur, wie die in Köln lebenden Autoren Jovan Nikolić oder Ruždija Russo Sejdović. Die Berliner Galerie Kai Dikhas („Ort des Sehens“) präsentiert seit 2011 zeitgenössische Kunst von Sinti und Roma aus ganz Europa. MIT EIGENER STIMME erzählen Menschen ihre eigenen Geschichten, die so individuell und verschieden sind, dass sie in keine der bekannten Schubladen passen.

*Bühnenstück Theater TKO Köln, Regie & Dramaturgie Nada Kokotovic, nach „Voices of Victims“ – RomArchive, Dr. Karola Fings http://kokotovic-nada.de/logicio/pmws/indexDOM.php?client_id=tko&page_id=stuecke&lang_iso639=de&play_id=miteigenerstimme

Berliner Galerie Kai Dikhas https://kaidikhas.de/de/gallery

Literatur von Sinti und Roma auf der Frankfurter Buchmesse 2019 https://zentralrat.sintiundroma.de/buchmesse/

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Ich sehe was, was Du nicht siehst…

heißt ein bekanntes Kinderspiel. Klingt logisch, aber kurz drüber nachdenken lohnt. Wer mehr vom großen Ganzen sehen und gesellschaftliche Probleme besser verstehen will, muss regelmäßig die Perspektive wechseln. Voraussetzung ist jedoch, sich eigener Wahrnehmungsgrenzen und „Sehfehler“ überhaupt bewusst zu sein. Außerdem braucht es Offenheit, Menschen außerhalb des eigenen „Kosmos“ zu treffen und zu versuchen, die Welt aus ihren Augen zu sehen. Andersdenkende sind zunächst erstmal auch Anderssehende. Mut gehört dazu, denn eigene Wahrheiten werden potentiell von anderen herausgefordert. Wir werden uns unserer „blinden Flecke“ bewusst. Gemütlicher segelt es sich natürlich in widerspruchsfreien Gewässern. Dank selektiver Wahrnehmung kommen wir damit auch recht weit. Erlerntes und Erlebtes hat Strukturen im Gehirn hinterlassen und beim Aufnehmen neuer Informationen knüpfen wir an bekannte Muster an. Wir sehen einfach nur bestimmte Facetten unserer Umwelt. Der große „Rest“ wird weiträumig ausgeblendet. Kein Wunder also, dass wir unsere eigenen Wahrheiten fortlaufend und automatisch bestätigt sehen. Informationen, die diese untergraben würden, fallen meist unter den Tisch. Das macht das Leben einfacher. Im Übrigen prägen auch Berufe die Sicht auf die Welt und wenn sich Freundeskreise dann ebenfalls aus ähnlichen Kontexten rekrutieren, bleibt die Welt rund. Wie komfortabel sich jeder einzelne damit fühlt, mag seine Angelegenheit sein. Aber Wahrnehmung schafft Realität und hat gesamtgesellschaftliche Relevanz. Entscheidenden Einfluss auf das Gelingen von Integration beispielsweise hat, wie Migration (konfliktbeladen, problematisch?) und Zugewanderte (Gefahr für Wohlstand und Sicherheit?) von vielen in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Stereotype Wahrnehmung von gesellschaftlichen Großgruppen zementieren bestehende Verhältnisse, auch wenn man dann die Ursachen in Biologie, Religion oder `Kultur´ zu sehen meint. Insofern lohnt es, alternative Blickwinkel auszuprobieren. Es ist wie bei der ersten Bergtour. Leichte Schwindelgefühle am Anfang sind normal, aber Selbst- und Trittsicherheit nehmen rasch zu. Davon profitiert sogar jeder persönlich. Also legen wir los. Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist…

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Ich, ich, ich! – Wer bin ich?

Identität ist ein schillerndes Wort und hat schon seit einer Weile Konjunktur. Individuelle Selbstentfaltung und -verwirklichung sowie die eigenen Interessen sind uns allen ziemlich wichtig. Gleichzeitig ist das Denken in Gruppen tief ins uns eingesickert. Wer sich eindeutigen gesellschaftlichen Gruppenkategorien verweigert, wird misstrauisch beäugt und zumeist behände von anderen zugeordnet sowie mit den „passenden“ Zuschreibungen versehen – „Vereindeutigung durch Kästchenbildung“, fasst Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, das ganze gut zusammen. Die Kästchenlogik wirkt wie ein gesellschaftlicher Spaltpilz.

Ich, ich, ich, aber wer bin ich?

Der Markt der Möglichkeiten ist groß und Angebote gibt es zahlreiche. Was uns ausmacht und wie wir leben, ist offensichtlich immer nur eine Option unter vielen anderen. Frühere Autoritäten dienen kaum mehr der Orientierung. Die Zeiten, in denen Gesellschaft relativ homogen und individuelle Verortung fix war, sind vorbei. Manche haben nostalgische Erinnerungen, aber Homogenität hatte für alle einen Preis und für manche einen sehr hohen. Homogenität ist eben nur mit Repression, Anpassung und Gewalt durchzusetzen. Nach der Zeit der Diktatur(en) kam endlich die Freiheit und die Freiheit hatte die Vielfalt im Gepäck. Individualisierung nahm zu. Migration steuerte ihren Teil zur Diversität bei. Gesellschaft ist aber nicht nur vielfältiger geworden, sondern hat sich laut Isolde Charim, Philosophin, pluralisiert. Das bedeutet, dass es nicht mehr nur ein kulturelles Koordinatensystem gibt, sondern offensichtlich mehrere, die nebeneinander stehen. Verschiedenheiten gab es in Gesellschaft auch früher schon, aber im Unterschied zu heute waren sie zweitrangig. Zugewandert oder Alteingesessen, Angehöriger von Minderheit oder Mehrheit, Mann oder Frau – wo jeder Einzelne in Gesellschaft verortet war und wie er dazugehörte, war unmittelbar gesetzt, unhinterfragt und selbstverständlich. Heute hingegen gibt es keine Institutionen und Strukturen mehr, die wie in der Vergangenheit über Macht und Einfluss verfügten, Menschen ihren Platz in der Gesellschaft vorzuschreiben. Eine gesellschaftliche Sitzordnung gibt es zwar nach wie vor, aber sie wird hinterfragt, bekämpft, verteidigt. Das bedeutet mehr Stress und Konflikte.

Ich, ich, ich, aber wer bin ich? „Da ist immer ein Zweifeln, eine rastlose Suche nach sich selbst“, sagt Stephan Grünewald, Psychologe und Autor von „Köln auf der Couch“ und „Wie tickt Deutschland?“. Wir schauen weiter und müssen uns (und anderen) immer wieder versichern, wer wir sind und wo unser Platz ist. Das strengt an. Nicht wenige ziehen sich ganz oder zeitweise zurück in ihren Kokon, ihre einigermaßen homogenen Blase. Aber wer sich dauerhaft nur um sich selbst dreht, dessen Leben fühlt sich lau an. Sinnvolles Tun ist ohne einem „Aus-sich-hinausgreifen“ nicht möglich. Freiheit und Vielfalt scheinen für manche schwer aushaltbar zu sein. Ziemlich „Lost in Space“ suchen sie möglichst eindeutige Festlegung für sich selbst und ein Geländer für den eigenen Lebensweg. Andere genießen und nutzen ihre Freiheit. Wer sich aufrafft – der Platz im Kokon wird schon nicht gleich wieder besetzt sein – und in Gesellschaft unterwegs ist, stellt schnell fest, dass jenseits der üblichen Kästchen Menschen mit gemeinsamen Interessen sitzen. Der Horizont weitet sich und das fühlt sich gut an. Wer dann noch seinem Leben mehr Sinn geben möchte – Themen an denen wir Verschiedene gemeinsam arbeiten können, gibt es genug 😉 und der Spaltpilz verliert an Boden…

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, 2018
Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert, 2018

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Wer spricht?

…gute Frage, am besten jeder über sich. Allzu oft sprechen jedoch Mehrheitsgesellschaften über Minderheiten, reproduzieren Stereotypen und Vorurteile. Minderheiten werden zu homogenen Gruppen und den „Anderen“ gemacht, dienen verschiedensten Projektionen und das oft um sich kollektiv aufzuwerten. Sieht man sich selbst gern als fleißig, gebildet und zivilisiert, so müssen andere eben das Gegenteil sein. Für den Part der Anderen müssen dann Menschen herhalten, die als Gruppen zu identifizieren sind. Generisches Prinzip und als solches variantenreich verbreitet. So gibt also einige dieser monotonen Fremdbilder. Manche sind neueren Datums, andere sind richtiggehend eingebacken in europäische Kultur. Letzteres betrifft beispielsweise die Roma. Sie sind die größte Minderheit in Europa und eine enorm heterogene. Seit über 600 Jahren leben sie hier. Trotzdem wissen viele wenig über Geschichte(n) und Kultur(en). Umso tiefer wurzeln dafür Zuschreibungen und Vorurteile, denn Mehrheitsgesellschaften begegneten ihnen von Anfang an meist misstrauisch, feindlich oder gleichgültig. Oft wurden Roma kriminalisiert und vertrieben. Die Verfolgung gipfelte schließlich in den Völkermord während der NS-Zeit, der in Deutschland erst 1982 offiziell anerkannt wurde. Als Europäer und Minderheit stehen sie quer zum Denkraster von Nationalisten. So wurden Staatenzerfall und politischen Umbrüche in Ost- und Südeuropa nach Ende des Kalten Kriege wieder zur existentiellen Bedrohung. Wer konnte, verließ die Heimat. Ist das Überleben gesichert, bleibt aber doch Rassismus Alltag.

Zurück zur Ausgangsfrage. Meist sprechen Nicht-Roma über Roma. Das muss sich ändern, damit Menschen Deutungshoheit über das Eigene wieder erlangen. „Es ist unsere Kultur“, sagen Roma und Sinti jetzt und setzen ihre eigenen Geschichten gegen die, die bisher andere über sie erzählten. Damit sie besser wahrgenommen werden, ist mit dem RomArchive ist ein Ort für das kulturelle Erbe entstanden, der wie ein lebendiges und virtuelles Museum funktioniert. Kunst und Kultur sind für jedermann zugänglich und sichtbar. In kuragierten Archivbereichen werden Beiträge zu Literatur, Musik oder Tanz gesammelt. Hinzu kommt eine Darstellung der Bürgerrechtsbewegung sowie die Sektion „Voices of Victims“. In dieser ist eine Auswahl von Selbstzeugnissen, wie Briefen und Petitionen, von Roma aus der NS-Zeit aufbereitet. Menschen bekommen im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stimme zurück, denn was sie gesehen, erlebt und erfahren haben, kann man sich auf Deutsch, Englisch und Romanes anhören. Ihnen zu zuhören, ist das mindeste, was wir heute tun können. Gleiches gilt für die Gegenwart und das nicht nur, wenn Roma als Musiker auftreten.

Im Übrigen ist das RomArchive unter den Preisträgern des Europäischen Kulturerbepreises / Europe Nostra Awards 2019 – HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

https://www.romarchive.eu/de/

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Medien in der Mangel

Medienschelte ist verbreitet und bequem. Regelmäßig werden Medien pauschal zu Sündenböcken für gesellschaftliche Missstände gemacht. Natürlich gibt es auch Grund zur Kritik. Beispiele kennt jeder. Strukturell muss sich noch etwas tun, denn durch die „Pluralisten-Brille“ geschaut fällt auf, dass sich gesellschaftliche Vielfalt noch nicht in den Mainstream-Medien widerspiegelt.1 Bei allem was kritisch und entwicklungsbedürftig ist, gilt aber auch, dass ohne öffentliche Medien keine demokratische Gesellschaft funktioniert. „Medien in der Mangel“ weiterlesen

Über die Freiheit

Manche feiern sie jeden Tag, denn sie haben Unfreiheit erfahren. Andere fühlen sich verloren in ihr, suchen nach Wegweisern in einer als unübersichtlich empfundenen Welt, nach Ordnung, Sicherheit und möglichst klaren Regeln. Nicht wenigen scheint sie relativ egal. Man lebt sein Leben. Wie soll es auch anders sein. Allerdings – schauen wir uns in der Welt um –wer lebt so frei wie wir? „Über die Freiheit“ weiterlesen