Ohne Frauen ist kein Staat zu machen* – und auch keine Revolution

Ersteres braucht man heute kaum mehr zu betonen. Letzteres gerät gern aus dem Blick und in Vergessenheit. Autonome Frauengruppen gab es, trotz fehlender Grundrechte und Repressionen, auch in der DDR. Grundsätzlich ging jeder, der sich engagierte ein persönliches Risiko ein, aber für Frauen, die Kinder hatten, war es besonders hoch. Viele dieser Frauengruppen waren im Kontext der Friedensbewegung in den 80er Jahren entstanden und sie spielten eine wichtige Rolle in der Friedlichen Revolution. Die Frauen protestierten nicht nur gegen die Diktatur, sondern kritisierten auch die Geschlechterverhältnisse in der DDR. Sie wollten die Demokratisierung des Landes vorantreiben und mit tatsächlicher Gleichberechtigung verbinden. Die Frauen fürchteten zu Recht nach Öffnung der Mauer, dass sie ihre wenigen Errungenschaften, wie die umfassende Kinderbetreuung oder das liberale Abreibungsrecht, wieder verlieren würden. „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ war einer der Slogans damals. Um an den Runden Tischen und den ersten freien Wahlen im März 1990 teilnehmen zu können, schlossen sich zahlreiche, ganz unterschiedliche Initiativen und Gruppen zum Unabhängigen Frauenverband zusammen.

Die Ereignisse überschlugen sich. Die Einheit kam schneller als gedacht. Der Zusammenbruch der maroden Wirtschaft kostete enorm vielen Menschen den Arbeitsplatz. Oft waren es die Frauen, die ihre Familien finanziell über Wasser hielten. Die allermeisten Frauen waren in der DDR voll erwerbstätig gewesen, wollten und mussten es auch bleiben. Sie kämpften um die Anerkennung ihrer Abschlüsse und fingen nicht selten in der Mitte ihres Lebens beruflich nochmal ganz neu an. Frauen hatten schon immer viel zu schultern gehabt, waren flexibel, pragmatisch und sturmerprobt. In den Umbruchsjahren sorgten sie für Stabilität. Die in dieser Zeit heranwachsenden Töchter sahen ihre Chancen, lernten fleißig, studierten schnell und gingen schließlich dahin, wo sie die besten Möglichkeiten sahen. Endlich war die Welt war groß und so vieles schien möglich. „Hilfe, die Frauen fliehen“ titelte 2002 dann Der Spiegel. Was das mit der Demografie mancher Orte gemacht hat und heute für Sozialstruktur sowie politisches Klima bedeutet, ist spätestens seit den letzten Landtagswahlen von allgemeinem Interesse.

Ohne Frauen ist eben kein Staat zu machen und für Regionen sieht es auch trübe aus.

Urheber: Hartmut Kelm
19. November 1989, Frankfurt (Oder)
Lizenztyp CC BY-NC-ND 3.0 DE

*aus dem Gründungsmanifest Unabhängiger Frauenverband, Dez 1989

Robert-Havemann-Gesellschaft: Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht! Frauenwiderstand in der DDR der 1980er Jahre https://www.havemann-gesellschaft.de/ausstellungen/frauenwiderstand-in-der-ddr-der-1980er-jahre/

Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF), interaktives Fachportal zur Geschichte der Frauenbewegungen in Deutschland https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/start

Katja Salomo: Abwanderung, Alterung, Frauenschwund. Die verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft: https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/abwanderung-und-alterung-gefahr-fuer-die-demokratie

 

„Das Vergangene ist nicht tot;…

es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“*

Das Vergangene ist nicht tot. Es steckt in uns drin, lebt mit und über uns weiter. Geschichtliche Ereignisse hinterlassen ihre Spuren in Menschen, werden an nachfolgende Generationen weitergeben. Manches wird erzählt, anderes nur angedeutet oder verschwiegen. Wertvorstellungen, Kategorien, Ideen und Handlungsmuster werden in großem Maße auch durch das nicht Besprochene und das nicht selbst Erlebte bestimmt. Das Vergangene sitzt in uns, ist Teil von uns, ob wir wollen oder nicht. Dabei fühlt sich Geschichte oft abgeschlossen und selbst Neuste Geschichte weit weg an.

Das Vergangene ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd. Sich selbst von individueller und kollektiver Geschichte abzuschneiden, liegt aus verschiedenen Gründen nahe. Einiges ist sehr dunkel, bleibt unbegreiflich. Verdrängen und vergessen ist auf jeden Fall bequemer. Gegenwart hält uns auch so gut auf Trab. In der eigenen Biografie gibt es Störendes, Kompliziertes oder Schmerzhaftes. Da wollen wir lieber frei und unbelastet unserer eigenen Wege gehen. Nur, Luftwurzler sind wir nicht, selbst wenn wir uns streckenweise so fühlen.

Über vieles wissen wir ganz gut Bescheid, gut genug, sagen nicht wenige. Einspruch! Wir stellen uns dennoch fremd, denn in unserer Wahrnehmung hat das Vergangene oft nicht viel mit uns selbst zu tun. Nicht um das Wissen geht es, sondern um eine Auseinandersetzung die Geschichte mit uns und heute verbindet. Es geht darum, dass wir uns selbst in Beziehung setzen mit dem Vergangenen. Wie hätte ich entschieden, gehandelt, gelebt, gefühlt? Was von „damals“ steckt heute noch in mir, in Gesellschaft? Was bedeutet das für unsere Vorstellung von Zukunft? Andernfalls bleiben wir unbeteiligte Beobachter, in uns tut sich nichts. Lehren aus Geschichte kann nur jeder einzelne für sich ziehen. Unreflektiert sorgen wir selber für Kontinuitäten von denen wir meinen, sie hätten nichts mit uns zu tun. Nicht die Gesellschaft handelt, sondern jeder einzelne von uns. Wie in Gesellschaften mit Geschichte(n) umgegangen wird, sagt auch einiges über ihr Selbstverständnis und die Art des Miteinanders aus. Manches lag lang oder liegt noch immer im persönlichen oder kollektiven toten Winkel. Warum? Fragen sind eher unbequem, auch die nach dem eigenen Desinteresse.

Schneiden wir uns ab vom Vergangenen, so zahlen wir einen Preis. Wahre Freiheit kommt erst nach der Auseinandersetzung und zwar einer, bei der wir mit Kopf und Herz dabei sind. Die Beschäftigung mit dem Schmerzhaften muss nicht schwächen, im Gegenteil. Wer sich einlässt, sieht heute mehr und gewinnt an Klarheit mit Blick auf das eigene Handeln. Das Vergangene lebt. Nichts verschwindet. Nehmen wir an, was ist und machen wir etwas daraus.

*Christa Wolf, Kindheitsmuster

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