Soll doch jeder glauben, was er will…

aber bitte PRIVAT!

Natürlich befürworten die allermeisten, dass jeder Mensch das Recht hat einer oder keiner Religion anzugehören oder sie auch zu wechseln. Religionsfreiheit ist ein Grundrecht und als solches im Grundgesetz verankert. Soweit so gut, theoretisch. Denn, wird Religion sichtbar gelebt und taucht im öffentlichen Raum und im Alltag auf, dann wird es schon schwieriger mit der Toleranz.

Wieder jüdisches Leben in Deutschland? Wunderbar! Nur, manchen Juden sind eben das Tragen der Kippa und das Einhalten der Feiertage wichtig. Mit dem Islam tun sich sowieso viele schwer. Über das Tuch wird so viel gestritten, dass der individuelle Kopf darunter regelmäßig aus dem Blickfeld rutscht. Kleider- und Speisevorschriften oder Feiertage, die quer zum Mehrheitsrhythmus stehen, stören schnell. Aber auch Katholiken, die auf Pilgerfahrt gehen, bekommen scheele Blicke. Haben wir das nicht hinter uns gelassen, uns befreit von alledem?

Wer aus religiösen Gründen seinen Kopf bedeckt, gilt rasch als jemand, der eine Sonderstellung für sich beansprucht oder aber partout nicht integrieren will. Religionen werden oftmals als Ursache von Konflikten angesehen, müssen für vieles herhalten. In gesellschaftlichen Debatten ist ihre Rolle größer, als im Leben der allermeisten. Man könnte sich locker machen oder auch mal schauen, wie selbstverständlich religiöses Leben im Alltag anderer Gesellschaften stattfindet. Letztlich ist alles auch eine Frage dessen, was mehrheitlich als Normalität wahrgenommen wird. Wer barhäuptig in Jerusalem unterwegs ist, dem fällt es vielleicht auch auf.

In vielen Köpfen hält sich die Vorstellung, dass die säkulare, freiheitliche Gesellschaft eine große Errungenschaft ist – Ja, richtig! – die selbstverständlich auch das Religiöse weit hinter sich gelassen hat. Dabei gibt es ein ausgeprägtes Bedürfnis nach mehr Sinn im eigenen Leben, nach Orientierung, unhinterfragter Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, Spiritualität, Erdung. Nicht umsonst sehen manche Lebensmodelle stark nach einer Ersatzreligion aus. Freiheit von scheint für manche gar nicht so leicht, bedeutet es eben auch die Freiheit, sich für etwas zu entscheiden, dem eigenen Leben selbst Richtung und Struktur zu geben. Manchen hilft Religion oder sie finden etwas anderes. Nicht wenige aber suchen und suchen. Wer sucht, fühlt eine Lücke. Vielleicht ist diese säkulare Lücke zumindest zum Teil Ursache für den ausgesprochen unentspannten Umgang mit Religion? Mal darauf meditieren?

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Ich bin ok. Extrem, das sind die anderen!

Gesellschaft ist gespalten, Polarisierung nimmt zu. Risse ziehen selbst durch manche Familien. Halb bewusst oder unbewusst sortieren sich Freundes- und Bekanntenkreise neu. Um des lieben Friedens willen wird nicht selten vermintes Gelände umschifft. Bloß kein Streit! Allgemeine Sehnsucht nach mehr Einigkeit. Gleichzeitig große Empfindlichkeit – schon sichtbar andere Lebensvorstellungen werden als nervig oder gar Provokation empfunden. Das was Konflikte verursacht und schürt, kommt immer von außen, kommt von anderen. Ordentlich Sprengstoff liegt in Themen, wie Flucht, Zuwanderung und Integration. Auch Religion stört schnell (Privatsache!) und ist ein zuverlässiger Garant für hitzige Debatten.

Wir beobachten gesellschaftliche Veränderungen genau, aber wir nehmen sie als Phänomene wahr, die außerhalb von uns passiert. Wir sind von Entwicklungen natürlich nicht erfasst. Sich selbst dabei reflektieren, eigenes Verhalten hinterfragen? Warum? Das Problem bin nicht ich! Ich bin ok. Extrem, das sind die anderen. Ich steh auf der richtigen Seite. Andere müssen ihre Einstellungen korrigieren und vor allem ihr Verhalten. Wie geht das zusammen? Wir alle nur Beobachter, betroffen, genervt von dem, was in und mit Gesellschaft passiert? Schnell ist dabei nämlich auch ausgemacht, wer was tun muss. Wer, das sind die [***]. Wer, das ist im Zweifel man und schließlich natürlich immer auch der Staat. Am Rande stehend, sehen wir unseren eigenen Anteil an Gesellschaft, wie sie ist und sich entwickelt, nicht. An dieser Stelle darf das ICH mal groß geschrieben werden. Denn – ICH bin Teil der Gesellschaft, Teil des Problems, kann damit auch zur Lösung beitragen und Element einer Brücke über gesellschaftliche Gräben sein oder aber weiter müde daneben stehen…

[***] bitte selbst, je nach persönlichen Standpunkt, etwas eintragen 🙂

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Bowling Alone

…ist der Titel einer Studie des Harvard-Professors Robert D. Putnam, ein Klassiker in den Sozialwissenschaften. Er hatte beobachtet, dass Menschen zwar nach wie vor gern bowlen, aber immer weniger in Vereinen. Sinnbild der Entwicklung sind die Fitness Studios, die in den 90er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. Aber es geht auch mit noch weniger sozialer Interaktion. Yoga via Zoom funktioniert prima. Viele machen das Gleiche, aber jeder für sich.

„Was wir tun, wenn wir tätig sind“, interessierte Hannah Arendt hat schon in den Sechzigerjahren. Ihre Beobachtungen und Analysen klingen erstaunlich aktuell. Arbeit und Konsum, das sind die beiden Pole zwischen denen sich Leben abspielt. Mehr Freizeit heißt mehrheitlich schlicht mehr Konsum. Auch mehr Lebensglück? Menschen werden „weltlos“, sagt Hannah Arendt. Das klingt nach Lost in Space und meint es im Grunde auch. Es mangelt an Perspektive, denn es gibt nur eine und zwar die eigene. Auf sich selbst zurückgeworfen, ist man ist mit sich beschäftigt und interessiert sich kaum für Welt außerhalb des eigenen Kosmos. Gefühlt geht einen nichts wirklich an. Theoretisch könnte man viel, aber will nichts. Keine Phantasie für die Zukunft. Frei, aber eben auch disconnected. Immer beschäftigt, aber passieren tut nicht viel. Stillstand führt zu einem penetranten Gefühl der Leere.

Übertrieben? Nun, Welt ist nicht schwarz-weiß. Das Gefühl aber, dass dem Leben Sinn und Richtung fehlt, kennen einige. Sehnsucht nach guten, tragfähigen Verbindungen haben viele. Jobs geben Struktur, füllen Tage, bestimmen sozialen Kontext. Zu Beginn der Corona-Krise war plötzlich viel weg, für manche fast alles. Gemeinschaften mit solider Basis und von guter Substanz fanden schnell auch digital zusammen. Sie bleiben auch unter widrigen Umständen vital. Geteilt-gelebte Leidenschaften, Interessen und gemeinsames Tun schaffen Tiefe, ein Nebeneinander-her-konsumieren nicht. Konsumenten halten auch keine Demokratie am Leben. Es braucht Bürger, Menschen, die sich für etwas entscheiden, die machen, sich verantwortlich fühlen. Keine Organisation oder Gruppe passt perfekt, aber ohne geht es nicht. Nachbarschaftsinitiativen, Musikbands, demokratische NGOs und Parteien, Theatergruppen – sie bilden das Grundgewebe unserer Gesellschaft. Im Übrigen sind die Zumutungen, die wir in dem miteinander Tun erleben elementar und Teil der Übung 😉

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Wer im Glaskäfig sitzt…

… sitzt da selten freiwillig. Sprache, so sagt Kübra Gümüşay, kann man auch als einen Ort oder sehr großes Museum denken. Kuragiert haben dieses Museum die Menschen, die Standard sind, die Norm markieren. Es zeigt die Welt aus ihrer Perspektive. Wer jenseits der gesellschaftlichen Normalnull verortet, als anders, fremd oder einfach ungewohnt angesehen wird, landet in einer der Vitrinen des Museums, wird kategorisiert, mit Kollektivnamen versehen. Dort verschwindet der Einzelne, das Individuum, der Mensch. Er wird zum Vertreter „seiner“ Gruppe, auch wenn seine persönliche Selbstverortung möglicherweise anders ausfällt. Schnell sieht man in ihm einen Experten. Er hat Auskunft zu geben, muss erklären und dabei nicht das eigene Tun rechtfertigen, sondern auch das anderer Gruppenmitglieder.

Einen Exit aus diesem Frage-Antwort-Spiel gibt es nur für diejenigen, die die Chance haben sich mit „ihrer“ Kategorie unsichtbar zu machen. Wer als Teil des Mainstream angesehen wird, lebt freier, redet über selbstgewählte Themen. Muslimische Frauen, die ihren Kopf bedecken, fühlen vermutlich oft die Hitze des Scheinwerfers auf sich gerichtet. Die Fragen sind immer ähnlich. Im Mittelpunkt steht natürlich die Religion, aber oft geht es auch um Missstände (und nicht etwa Kunstszene oder Oppositionsbewegung) islamischer Ländern. Da hilft es auch nichts, in Bonn aufgewachsen zu sein. Wer Katholik oder Protestant ist, kann sich jetzt mal überlegen, wie oft er schon in die Verlegenheit kam, das Pfingstfest zu erklären. Selten? Genau. Juden werden gern zu israelischer Regierungspolitik oder dem Nahost-Konflikt befragt, auch wenn sie vielleicht nur hin und wieder in Tel Aviv Urlaub machen. Wer zufällig im Osten Deutschlands geboren wurde, ist natürlich prädestiniert den Osten, inklusive „Chemnitz“ und AfD, zu erklären. Dabei spielt es keine Rolle, wenn man seit zwei Jahrzehnten ganz woanders lebt. Natürlich meint es (fast) niemand böse. Aber es zeigt, entlang welch festem Raster unser Denken läuft, insbesondere wenn Fragen unter den Nägeln brennen.

Gesellschaftliche Kategorien und Gruppenbezeichnungen sind praktisch. Ohne Begriffscontainer geht es nicht. Im Alltag sind sie grobe Navigationshilfe, aber damit hat es sich auch schon. Menschen lassen sich eben nicht wie chemische Elemente in ein übersichtliches Raster packen. In jedem von uns steckt Vielfalt, Komplexität, manchmal Widersprüchliches. Wir alle wollen in erster Linie als Mensch und Individuum wahrgenommen werden. In Glaskäfige gedacht und gesprochen zu werden nervt.

Kübra Gümüşay (2020): Sprache und Sein

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Ich sehe was, was Du nicht siehst…

heißt ein bekanntes Kinderspiel. Klingt logisch, aber kurz drüber nachdenken lohnt. Wer mehr vom großen Ganzen sehen und gesellschaftliche Probleme besser verstehen will, muss regelmäßig die Perspektive wechseln. Voraussetzung ist jedoch, sich eigener Wahrnehmungsgrenzen und „Sehfehler“ überhaupt bewusst zu sein. Außerdem braucht es Offenheit, Menschen außerhalb des eigenen „Kosmos“ zu treffen und zu versuchen, die Welt aus ihren Augen zu sehen. Andersdenkende sind zunächst erstmal auch Anderssehende. Mut gehört dazu, denn eigene Wahrheiten werden potentiell von anderen herausgefordert. Wir werden uns unserer „blinden Flecke“ bewusst. Gemütlicher segelt es sich natürlich in widerspruchsfreien Gewässern. Dank selektiver Wahrnehmung kommen wir damit auch recht weit. Erlerntes und Erlebtes hat Strukturen im Gehirn hinterlassen und beim Aufnehmen neuer Informationen knüpfen wir an bekannte Muster an. Wir sehen einfach nur bestimmte Facetten unserer Umwelt. Der große „Rest“ wird weiträumig ausgeblendet. Kein Wunder also, dass wir unsere eigenen Wahrheiten fortlaufend und automatisch bestätigt sehen. Informationen, die diese untergraben würden, fallen meist unter den Tisch. Das macht das Leben einfacher. Im Übrigen prägen auch Berufe die Sicht auf die Welt und wenn sich Freundeskreise dann ebenfalls aus ähnlichen Kontexten rekrutieren, bleibt die Welt rund. Wie komfortabel sich jeder einzelne damit fühlt, mag seine Angelegenheit sein. Aber Wahrnehmung schafft Realität und hat gesamtgesellschaftliche Relevanz. Entscheidenden Einfluss auf das Gelingen von Integration beispielsweise hat, wie Migration (konfliktbeladen, problematisch?) und Zugewanderte (Gefahr für Wohlstand und Sicherheit?) von vielen in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Stereotype Wahrnehmung von gesellschaftlichen Großgruppen zementieren bestehende Verhältnisse, auch wenn man dann die Ursachen in Biologie, Religion oder `Kultur´ zu sehen meint. Insofern lohnt es, alternative Blickwinkel auszuprobieren. Es ist wie bei der ersten Bergtour. Leichte Schwindelgefühle am Anfang sind normal, aber Selbst- und Trittsicherheit nehmen rasch zu. Davon profitiert sogar jeder persönlich. Also legen wir los. Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist…

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Ohne Frauen ist kein Staat zu machen* – und auch keine Revolution

Ersteres braucht man heute kaum mehr zu betonen. Letzteres gerät gern aus dem Blick und in Vergessenheit. Autonome Frauengruppen gab es, trotz fehlender Grundrechte und Repressionen, auch in der DDR. Grundsätzlich ging jeder, der sich engagierte ein persönliches Risiko ein, aber für Frauen, die Kinder hatten, war es besonders hoch. Viele dieser Frauengruppen waren im Kontext der Friedensbewegung in den 80er Jahren entstanden und sie spielten eine wichtige Rolle in der Friedlichen Revolution. Die Frauen protestierten nicht nur gegen die Diktatur, sondern kritisierten auch die Geschlechterverhältnisse in der DDR. Sie wollten die Demokratisierung des Landes vorantreiben und mit tatsächlicher Gleichberechtigung verbinden. Die Frauen fürchteten zu Recht nach Öffnung der Mauer, dass sie ihre wenigen Errungenschaften, wie die umfassende Kinderbetreuung oder das liberale Abreibungsrecht, wieder verlieren würden. „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ war einer der Slogans damals. Um an den Runden Tischen und den ersten freien Wahlen im März 1990 teilnehmen zu können, schlossen sich zahlreiche, ganz unterschiedliche Initiativen und Gruppen zum Unabhängigen Frauenverband zusammen.

Die Ereignisse überschlugen sich. Die Einheit kam schneller als gedacht. Der Zusammenbruch der maroden Wirtschaft kostete enorm vielen Menschen den Arbeitsplatz. Oft waren es die Frauen, die ihre Familien finanziell über Wasser hielten. Die allermeisten Frauen waren in der DDR voll erwerbstätig gewesen, wollten und mussten es auch bleiben. Sie kämpften um die Anerkennung ihrer Abschlüsse und fingen nicht selten in der Mitte ihres Lebens beruflich nochmal ganz neu an. Frauen hatten schon immer viel zu schultern gehabt, waren flexibel, pragmatisch und sturmerprobt. In den Umbruchsjahren sorgten sie für Stabilität. Die in dieser Zeit heranwachsenden Töchter sahen ihre Chancen, lernten fleißig, studierten schnell und gingen schließlich dahin, wo sie die besten Möglichkeiten sahen. Endlich war die Welt war groß und so vieles schien möglich. „Hilfe, die Frauen fliehen“ titelte 2002 dann Der Spiegel. Was das mit der Demografie mancher Orte gemacht hat und heute für Sozialstruktur sowie politisches Klima bedeutet, ist spätestens seit den letzten Landtagswahlen von allgemeinem Interesse.

Ohne Frauen ist eben kein Staat zu machen und für Regionen sieht es auch trübe aus.

Urheber: Hartmut Kelm
19. November 1989, Frankfurt (Oder)
Lizenztyp CC BY-NC-ND 3.0 DE

*aus dem Gründungsmanifest Unabhängiger Frauenverband, Dez 1989

Robert-Havemann-Gesellschaft: Wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht! Frauenwiderstand in der DDR der 1980er Jahre https://www.havemann-gesellschaft.de/ausstellungen/frauenwiderstand-in-der-ddr-der-1980er-jahre/

Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF), interaktives Fachportal zur Geschichte der Frauenbewegungen in Deutschland https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/start

Katja Salomo: Abwanderung, Alterung, Frauenschwund. Die verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft: https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/abwanderung-und-alterung-gefahr-fuer-die-demokratie

 

„Das Vergangene ist nicht tot;…

es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“*

Das Vergangene ist nicht tot. Es steckt in uns drin, lebt mit und über uns weiter. Geschichtliche Ereignisse hinterlassen ihre Spuren in Menschen, werden an nachfolgende Generationen weitergeben. Manches wird erzählt, anderes nur angedeutet oder verschwiegen. Wertvorstellungen, Kategorien, Ideen und Handlungsmuster werden in großem Maße auch durch das nicht Besprochene und das nicht selbst Erlebte bestimmt. Das Vergangene sitzt in uns, ist Teil von uns, ob wir wollen oder nicht. Dabei fühlt sich Geschichte oft abgeschlossen und selbst Neuste Geschichte weit weg an.

Das Vergangene ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd. Sich selbst von individueller und kollektiver Geschichte abzuschneiden, liegt aus verschiedenen Gründen nahe. Einiges ist sehr dunkel, bleibt unbegreiflich. Verdrängen und vergessen ist auf jeden Fall bequemer. Gegenwart hält uns auch so gut auf Trab. In der eigenen Biografie gibt es Störendes, Kompliziertes oder Schmerzhaftes. Da wollen wir lieber frei und unbelastet unserer eigenen Wege gehen. Nur, Luftwurzler sind wir nicht, selbst wenn wir uns streckenweise so fühlen.

Über vieles wissen wir ganz gut Bescheid, gut genug, sagen nicht wenige. Einspruch! Wir stellen uns dennoch fremd, denn in unserer Wahrnehmung hat das Vergangene oft nicht viel mit uns selbst zu tun. Nicht um das Wissen geht es, sondern um eine Auseinandersetzung die Geschichte mit uns und heute verbindet. Es geht darum, dass wir uns selbst in Beziehung setzen mit dem Vergangenen. Wie hätte ich entschieden, gehandelt, gelebt, gefühlt? Was von „damals“ steckt heute noch in mir, in Gesellschaft? Was bedeutet das für unsere Vorstellung von Zukunft? Andernfalls bleiben wir unbeteiligte Beobachter, in uns tut sich nichts. Lehren aus Geschichte kann nur jeder einzelne für sich ziehen. Unreflektiert sorgen wir selber für Kontinuitäten von denen wir meinen, sie hätten nichts mit uns zu tun. Nicht die Gesellschaft handelt, sondern jeder einzelne von uns. Wie in Gesellschaften mit Geschichte(n) umgegangen wird, sagt auch einiges über ihr Selbstverständnis und die Art des Miteinanders aus. Manches lag lang oder liegt noch immer im persönlichen oder kollektiven toten Winkel. Warum? Fragen sind eher unbequem, auch die nach dem eigenen Desinteresse.

Schneiden wir uns ab vom Vergangenen, so zahlen wir einen Preis. Wahre Freiheit kommt erst nach der Auseinandersetzung und zwar einer, bei der wir mit Kopf und Herz dabei sind. Die Beschäftigung mit dem Schmerzhaften muss nicht schwächen, im Gegenteil. Wer sich einlässt, sieht heute mehr und gewinnt an Klarheit mit Blick auf das eigene Handeln. Das Vergangene lebt. Nichts verschwindet. Nehmen wir an, was ist und machen wir etwas daraus.

*Christa Wolf, Kindheitsmuster

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„Warum blieben alle hinter ihren Gardinen stehen, anstatt runterzurennen und zu helfen?“*

Der Satz hakt sich fest im Kopf. Wäre das heute anders oder sind im Grunde nur die Gardinen aus den Fenstern verschwunden? Theoretisch haben wir aus der Geschichte gelernt. Theoretisch.

Wenn etwas passiert, passiert entweder gar nichts oder es hagelt moralische Appelle. Manchmal gibt es Solidaritätsbekundungen. Sie sind wichtig und haben ihre Funktion, aber kosten den einzelnen fast nichts. Die unangenehme Frage bleibt: Wie hätte ich reagiert? Weggeguckt, rausgehalten? Sich am Rande zu halten, ist ein starker Impuls. Geht mich nichts an. Ausrichten kann ich nichts. Tatsächlich nichts?

Über eigene Werte redet es sich viel leichter, als sie handelnd zu leben. Verantwortung auch für andere zu übernehmen, ist schwieriger als sie, an wen auch immer, zurück zu delegieren. Wer sich heraushält, geht kein Risiko ein. Überzeugungen hin oder her.

Zivilcourage bedeutet einzuschreiten, wenn zentrale Werte und Normen offen verletzt werden, auch wenn uns Nachteile drohen. Bürgermut eben. Das klingt gut. Man müsse mal „ein deutliches Zeichen setzen“ und etwas tun, sagen viele. Aber wenn es darauf ankommt, sehen sie das naheliegende nicht. Über gesellschaftliche Missstände wird dafür weiter viel geredet. Analysen von der Seitenlinie. Oft verharren Diskussionen im man. Da fehlt zum Bürgermut nicht nur der Mut, sondern auch der Bürger.

Wenn mehr Leute ich, statt man sagen, ist das schon mal ein Anfang. Und wenn mehr Leute aufmerksamer ihr Umfeld scannen, hinhören und hinsehen, ist das der nächste Schritt. Wer also zukünftig nicht mehr mit lacht, wenn der Chef sexistische Witze reißt, hat immerhin das Thema verstanden und den Anfang geschafft. Nur Mut – Zivilcourage kann man lernen und einüben.

*Rahel Renate Mann, Der Spiegel Geschichte, Jüdisches Leben in Deutschland, 4/2019

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Wissen wir noch, wo Norden ist…?

Es wird viel geredet über die Krise der Demokratie. Gleichzeitig halten die meisten Menschen bei uns sie für die beste Staatsform. Ein selbstbestimmtes Leben mit allen Grundrechten ist natürlich selbstverständlich. Selbstverständlich? Nach zwei Diktaturen in Deutschland? Selbstverständlich, wenn an vielen Orten der Welt derzeit um jedes Stückchen Freiheit hart gekämpft wird? Schließlich gibt es auch bei uns beunruhigende Entwicklungen. Selbstbewusste und engagierte Demokraten scheinen in der Minderheit. Menschen wollen „Führung“ hört man nicht selten. Das Gefühl, dass man selbst nichts ausrichten kann, ist weit verbreitet. Außerdem sind die Undemokratischen immer andere.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Kleines Gedankenexperiment. Denken wir kurz an Indien und China. Sehen wir spontan den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Länder? Schauen wir auf Israel. Sehen wir, was das Land von anderen Staaten im Nahen Osten ganz wesentlich unterscheidet? Interessant ist auch der Blick zurück auf die DDR. War das Land damals einfach das „andere“ Deutschland, dessen Regime mehr oder weniger von allein zusammenbrach? Was wissen wir schließlich von Politik und Gesellschaft der Länder, in denen wir so gern Urlaub machen? Interessiert es uns oder herrscht nicht oftmals blinde Teilnahmslosigkeit. Die kann man notfalls gut als „Toleranz“ tarnen, denn nichts ist sowieso schlimmer als in den Verdacht westlicher Arroganz zu geraten. Dabei sind wir es gerade dann, wenn wir glauben andere wollen nicht auch in Freiheit leben, schlechte Regierungen abwählen, ihre Meinung öffentlich äußern. Im Raushalten sind wir gut – hier wie da jahrzehntelang geübt. Da kann einem mit der Zeit schon der Kompass abhandenkommen. Und ist nicht auch bei uns einiges im Argen? Etablierte Parteien sind ordentlich ins straucheln geraten, Ressourcen sehr ungleich verteilt und damit auch die Partizipationsmöglichkeiten. Große Bauprojekte werden anderswo in Rekordgeschwindigkeit realisiert, was bei uns nie zu gelingen scheint. Das nagt am Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Selbstzweifel und Orientierungslosigkeit machen sich breit.

Wissen wir noch, wo Norden ist?

Wäre es nicht auch mal schön, wenn jemand hin und wieder „durchregieren“ und uns die größten Probleme vom Hals schaffen würde? Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft? Wunderbar! Aber da hilft nur Ärmel hochkrempeln und im eigenen Umfeld loslegen. Gesellschaft ist so gut oder schlecht, wie wir sie uns gestalten. Demokratie bedeutet Arbeit und braucht Geduld. Sie lebt vom Mitmachen. Das erfordert Zeit, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Die Beweglichkeit demokratischer Systeme müssen wir genauso aushalten, wie die ständige Konfrontation mit äußerst unterschiedlichen Weltsichten und extremen Meinungen. Anstrengend! Aber den wohlmeinenden Diktator gibt es nicht und Autokraten gehen nie freiwillig.

Eine klare Haltung bedeutet nicht, anderen das eigene Modell aufdrücken zu wollen, ganze Nationen zu dämonisieren oder mental wieder in Denkschablonen des Kalten Krieges zu verfallen. Klare Haltung heißt zu wissen, wo Norden ist. Das entsprechende Handeln folgt dann (fast) von allein…

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Die Mauer fiel und wir waren so frei…

Geburtsort Berlin. Kindheit in Ostberlin. 15 Jahre alt als das SED-Regime gestürzt wurde und die Mauer geöffnet. Der Umbruch ging schnell, die Stadt wuchs rasch zusammen. Bald wusste man nicht mehr so genau, wo die Grenze gewesen war. Es wurde hier gewohnt und dort gearbeitet. Bei den Älteren hielt sich die Mauer in den Köpfen wohl länger, aber für uns war Geschichte rasch Geschichte. Die 90er Jahre wurden prägende Zeit. Als sie vorbei waren, kehrte ich Berlin den Rücken. Vergangenes wurde mit Neuem zugeschüttet und räumliche Distanz tat ihr Übriges.

„Von einem bestimmten Zeitpunkt an, der nachträglich nicht mehr zu benennen ist, beginnt man, sich selbst historisch zu sehen; was heißt: eingebettet in, gebunden an seine Zeit“ – schrieb Christa Wolf.* Erinnerungsspuren nachzulaufen, wird interessant. Jahrestage wirken wie kleine Anstupser. Vor dreißig Jahren fiel die Mauer. Dreißig Jahre?! Schon? Erst? Wie war es und was bleibt?

Erinnerungen sind subjektiv. Auch wie DDR-Geschichte im Leben einzelner nachwirkt, ist sehr verschieden. Die Frage, wie es so war, ist dennoch einfach zu beantworten. Der Staat nannte sich demokratisch, aber war eine Diktatur mit ausgeklügeltem Herrschafts- und Unterdrückungsapparat. „Wahlen“ gab es regelmäßig, aber sie waren eine sinnentleerte Pflichtübung. Jede Form von Opposition wurde verfolgt und unterdrückt. Staatliche Willkür wirkte einschüchternd und lähmend auf die allermeisten. Der Rückzug ins Private war für viele die einzig mögliche Überwinterungsstrategie. Wer unauffällig lebte und sich an die Regeln hielt, wurde wenig behelligt. Allerdings waren gesellschaftliche Normen sehr eng ausgelegt und individuelle Freiheit beschnitten. Kollektivierung, anstatt freier Selbstentfaltung, war ein wesentliches Herrschaftsprinzip. Die Berufs- und Studienwahl war eingeschränkt und es gab keine offenen Debatten oder freie Meinungsäußerung. Wer sich als Christ „outete“, musste mit Ausgrenzung und Diskriminierung rechnen. Die Medien waren nicht unabhängig und es gab auch keine Rechtstaatlichkeit. Staatlicher Indoktrination konnte man sich nicht entziehen, denn sie begann schon im Kindergarten. Schulen spielten eine zentrale Rolle in der Erziehung zum loyalen DDR-Menschen. Jeder war Mitglied in mindestens einer staatlichen Zwangsorganisation. Fahnenappelle und Aufmärsche gehörten zum Alltag. Die Gesellschaft war militarisiert, Wehrunterricht Pflicht für alle in der 9. und 10. Klasse. Groteskerweise war die Friedenstaube zentrales Symbol der DDR. Menschen aus sozialistischen „Bruderstaaten“ kamen zum Studieren und Arbeiten, aber lebten separiert und für die Mehrheit unsichtbar. Lebenswelt war homogen und Gesellschaft zweigeteilt. Viele lebten in stiller Opposition, andere waren „glaubensfest“ und dem SED-Regime treu ergeben. Vorsichtig waren alle, denn viele wurden überwacht. Leben teilte sich für uns und die meisten in ein „Innen“ und ein „Außen“. Bücher und Zeitschriften wurden geschmuggelt. Sie waren neben Radio und Fernsehen Fenster zur Welt. Korruption durchzog den Alltag, aber wurde nicht so genannt und wahrgenommen. Kirchen sind erfolgreich an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden, aber konnten sich als Gegenspieler des SED-Regimes behaupten. In dem ansonsten durchideologisierten Staat boten sie kulturelle Rückzugsräume und Orte für Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Ein paar Kirchen wurden zu den Zentren der Protest- und Demokratiebewegung. Mitglieder hatten sie in den achtziger Jahren nicht mehr viele. Kirchenzugehörigkeit bedeutete oft primär bewusstes Festhalten an kulturellen Wurzeln und Opposition.

Die Mauer fiel und dann? Große Freude! Durchatmen! Wir waren so frei…

Bisherige Autoritäten waren plötzlich keine mehr oder sie waren zunächst ziemlich orientierungslos, so wie unsere Lehrer. Der Schulalltag ging weiter, aber vieles war offen. Wer konnte, diskutierte sofort mit. Für einen kurzen Moment schien vieles möglich. Der Samstag wurde endlich schulfrei. Die Gefahr wegen einer schlechten Note in Russisch oder aus politischen Gründen geext zu werden, war nunmehr Null. Geschichte und Staatsbürgerkunde wurden im Februar 1990 nicht mehr bewertet. Im Abschlusszeugnis der 9. Klasse vom Juli 1990 waren die Fächer Einführung in die sozialistische Produktion und Staatsbürgerkunde durchgestrichen. An Gesellschaftskunde wurde „teilgenommen“. Geschichte hieß dann interessanterweise „Politische Weltkunde“, aber Wissen über Länder, Gesellschaften, Geschichte und Politik war allseits ziemlich begrenzt. Russischlehrer mussten umlernen, weil kaum jemand noch Russisch lernen wollte. Die Schülerschaft wurde bunter. Unsere Eltern waren schwer beschäftigt, mussten vieles neu lernen und vor allem, um ihre oder um neue Jobs kämpfen. Gesellschaftliche Polarisierung und Ungleichheit nahmen sichtbar zu. „Wendehals“ war das meistgenutzte Schimpfwort damals.

Auf die Frage „Was bleibt?“ wird jeder anders antworten. Für mich wurde Freiheit das Thema im Leben. Ich bin froh über Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Als Eingriffe in meine Autonomie wahrgenommene „Encounter“ mit Autoritäten können in mir schneller Stress und unangenehme Ohnmachtsgefühle auslösen. Ideologisiertes Denken in Schwarz-Weiß-Schablonen wird mir zeitlebens ein Gräuel sein. Größere Gruppenveranstaltungen sind mir eher suspekt, denn sie können rasch vereinnahmend und beklemmend wirken. Ich fühle Empathie mit Menschen, die Teile ihrer Identität verbergen müssen, weil sie sonst Anfeindungen oder Nachteile zu befürchten haben. Mit Menschen, die auch Unfreiheit erlebt haben, fühle ich mich rasch verbunden. Die Vielfalt menschlichen Lebens ist einfach wunderbar. Welt ist komplex, bunt und „Wahrheiten“ gibt es mehrere. Es lebe die Freiheit von Repression sowie Bevormundung und für eigene Lebenswege 🙂

*Christa Wolf: „Ein Tag im Jahr“ (2005)

Urheber: Jürgen Lottenburger
Januar 1990, Berlin, Brandenburger Tor
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/de/